Nachrichten Web
Sie sind hier: Startseite » Nachrichten » Übersicht » Newsticker »

Stadttheater sucht den Super-Shakespeare: Premiere von »Wie es euch gefällt«

Artikel vom 07.03.2010 - 19.13 Uhr

Stadttheater sucht den Super-Shakespeare: Premiere von »Wie es euch gefällt«

»Wenn die Musik der Liebe Nahrung ist, spielt weiter!« Ach so - da sind wir der alten Verwechslung aufgesessen, es handele sich - in Schlegelscher Übersetzung - um William Shakespeares »Was ihr wollt«; aber dieser Stückbeginn könnte durchaus auch für die aktuelle Produktion »Wie es euch gefällt« des Stadttheaters seine Gültigkeit haben, die am Freitagabend ihre Premiere hatte.
Drei knallbunte Gestalten (v. l.): Rosalind (Kyra Lippler), Touchstone (Roman Kurtz) und Celia (Christin Heim).	(Fotos: Wegst)
Lupe - Artikelbild vergrössern
Drei knallbunte Gestalten (v. l.): Rosalind (Kyra Lippler), Touchstone (Roman Kurtz) und Celia (Christin Heim). (Fotos: Wegst)
Denn Musik, von Fred Kerkmann geschaffen, spielt eine dominierende Rolle in der Inszenierung von Ragna Kirck, liefert Atmosphärisches in einem Konzept, das im ersten zähen Teil den Rezensenten grimmig und missmutig in die Pause schickte, ihn dann eben durch die vertonten Anteile milder werden ließ, wenn ihn auch nach einer grandiosen Ensemble-Lyrik das schließliche Kippen ins Kitschige verwunderte.

Oder wollte die Regisseurin damit ein weiteres Mal ihre kritische Distanz zum Stoff darlegen? Ragna Kirck, durch einige Arbeiten am Stadttheater wohlbekannt, wollte es nicht beim bloßen Nacherzählen belassen, sondern das oft zitierte »Heutige« entdecken. Da heißt es erst einmal, sich vom Ardenner Wald zu verabschieden. In der Übersetzung von Thomas Brasch, die knallhart und ohne Schlenker den kunstvollen Text adaptiert, wird ohnehin von Arden gesprochen, und so findet man sich beim Aufgehen des Vorhangs eben in einem Vergnügungspark namens »Ardenture« wieder. Die groteske Wortschöpfung erweckt Assoziationen zur ritterlichen Aventiure, die im Mittelalter einen Teil des männlichen Ehrenkodex darstellte. Sei’s drum: Ende des 16. Jahrhunderts, als das Stück entstand, wusste ja keiner, dass ein Epochenwechsel stattgefunden hatte; den legen Historiker eh erst später fest.

Also weg von Feld, Wald und Wiese - und hinein in die Hinterwelt des Glamourösen. Und so wird aus des verbannten Herzogs Höhle kein »locus amoenus«, kein reizvoller Ort, sondern eine Bühnen-Unterwelt mit dem Durcheinander einer Requisitenkammer, wie sie unüberschaubarer nicht sein könnte, wobei ein Lohengrin-Schwan und ein goldenes Schwein, um das dann aber nicht getanzt wird, die markantesten Attribute sind.

Ausstatter Bernhard Niechotz hat das alles sehr pragmatisch auf die viel zu oft benutzte Drehbühne gebaut, durch Gitterstäbe die Bereiche getrennt und so die gewollte Moderne erzielt. Er deutet mit dem Ausschnitt eines Achterbahn-Loopings an, dass die Welt, in der wir unsere Liebe ausleben, oft gerade dann kopfsteht.

Damit bedient er akkurat das Regiekonzept, doch wird sich Ragna Kirck der Kritik aussetzen müssen, dass ihr Konzept letztlich mehr als nur einen Hauch von Nostalgie ausstrahlt. Nehmen wir die Schäfergilde. Freilich können uns heute pastorale Elemente in einer mehr und mehr profanisierten Welt irritieren (vor Jahrzehnten ging das noch), doch wenn man aus ihnen eine Demo-Gruppe werden lässt, die sich vor schädlicher Strahlung durch Antennen-Firlefanz und nicht leitendes Schuhwerk schützen will, wirkt das letztlich unfreiwillig komisch. Auf welchem Auto findet man heute noch den rot-gelben Aufkleber, man wünsche Atomkraft nicht (»Nein danke!«). Oder wenn einer der Schäfer strickt, weckt das Erinnerungen an die Mitschülerinnen oder Kommilitoninnen, die die Lehrstunden zur Herstellung von Selbstgemachten nutzten - und das ist ewig her.



Artikel Drucken Drucken  Versenden
Artikel vom 07.03.2010 - 19.13 Uhr
Social Networks
Facebook Twitter studiVZ meinVZ schülerVZ MySpace  Del.icio.us
X Diesen Artikel versenden






* Bitte füllen Sie alle Felder aus.
Kommentar schreiben
weitere Meldungen
Impressum Kontakt AGB Nutzungsbedingungen Datenschutz
TopSeitenanfang