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Stadttheater eröffnet mit der »Orestie« von Aischylos die Spielzeit

Artikel vom 05.09.2010 - 20.01 Uhr

Stadttheater eröffnet mit der »Orestie« von Aischylos die Spielzeit

Mit einem Paukenschlag hat das Stadttheater am Samstag die aktuelle Spielzeit eröffnet. Regisseur Titus Georgi fordert mit seiner Inszenierung der »Orestie« von Aischylos das Publikum heraus.
Muttermörder Orest (Corbinian Deller) stellt sich dem Gericht. Während die Erynien (Irina Ries, Petra Soltau) furiengleich seine
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Muttermörder Orest (Corbinian Deller) stellt sich dem Gericht. Während die Erynien (Irina Ries, Petra Soltau) furiengleich seinen Kopf fordern, werden Apollo (Kai Hufnagel) und Athene (Kira Lippler) zu seinen Fürsprechern. (Fotos: Rolf K. Wegst)
Georgi kostet die archaische Brutalität der antiken Tragödien-Trilogie exzessiv aus, lässt Blut, Schweiß und Tränen im Übermaß fließen und schafft so eine Version dieses Stücks Weltliteratur, die für Gesprächsstoff sorgt. Was will man mehr verlangen vom Theater?!

»Frischer Blutgeruch weht aus dem Haus. Es riecht nach Mord«, orakelt Seherin Kassandra und liefert damit eine Zusammenfassung dessen, was im Haus Agamemnons vor sich geht, wo die Ehefrau den aus dem Trojanischen Krieg heimkehrenden Gatten ermordet, der Sohn die Mutter aus Rache tötet und erst durch den Richtspruch der Göttin Athene der Spirale der Gewalt ein Ende gesetzt werden kann. Und Blutgeruch weht auch von der Bühne des Stadttheaters, wo die Figuren »tun, leiden, lernen«. In einer Zeit, in der Krieg der Welt als eine Art Videospiel vorgegaukelt wird, Mord als befremdende Schlagzeile erscheint, zeigt Georgi die ganze Brutalität dessen, was ein Mensch dem anderen antun kann. Für manch einen in der Premierenvorstellung war dies zu viel, und als das Blut eimerweise ausgekippt wurde, verließen Vereinzelte den Saal.

Georgi und Bühnenbildnerin Katja Wetzel haben einen Raum geschaffen, der ausschließlich aus einer bühnenfüllenden Treppe besteht. Alles ist in Schwarz gehalten und auch die Kostüme bleiben im Spektrum von Grau- und Weiß-Nuancen. Einzig der Teppich aus Gewändern, den Klytaimnestra ihrem Gatten Agamemnon beim Mord im Bade ausschüttet, bringt Farbe ins Spiel - erinnert allerdings ein wenig an eine Altkleidersammlung. Und auch das Blut, das Klytaimnestra gleich eimerweise ausschüttet und das in der Folge Opfer und Mörder gleichermaßen besudelt, setzt Akzente.

Die minimalistische Bühnen-Treppe, die in allen drei Teilen der Trilogie Bestand hat, stellt für die Schauspieler zwar eine echte Stolperfalle dar und lässt beim Herunterrollen der geschändeten Leiber schlimmste Verletzungen befürchten. Hier hat offenbar das spezielle Körpertraining der Schauspieler gefruchtet. Sie gibt aber auch den in Bann ziehenden Worten des Aischylos den Raum, der ihnen gebührt. Die 4000 Originalverse, die Peter Stein übersetzt hat, hat Georgi auf das Notwendige zusammengestrichen. In zweidreiviertel Stunden ist so alles Wichtige gesagt, um den Prozess der Zivilisation, den Übergang von dem mythischen zum rationalen Weltbild, den Aischylos vor rund 2500 Jahren thematisiert hat, zu verstehen. Der Chor gibt zu Beginn in »Agamemnon« vom ersten Rang aus mit seinem rhythmischen Sprechen die Einführung in die bestialische Geschichte des Atridenhauses, in dem die Menschen »pathei mathos« - durch Leiden belehrt werden. Im zweiten Teil, den Choe-phoren (Grabspenderinnen) tritt er in Person von Petra Soltau als Mahnerin auf, und im dritten Teil, den »Eumeniden«, klagen Soltau und Irina Ries als »Chor der Erinyen« den Muttermörder Orest als Seelenquälerinnen an. Da heißt es aufpassen, denn jeder Satz hat hier Gewicht, erfordert volle Konzentration - von Schauspielerin und Publikum gleichermaßen.

Die Gießener »Orestie« setzt den Schwerpunkt auf die beiden ersten Teile der Trilogie. Agamemnons Ermordung füllt die Zeit bis zur Pause, danach betritt Sohn Orest den Plan, der, vom Gott Apollo angestachelt, die Mutter tötet und so den Zorn der Erinyen auf sich zieht. Erst Göttin Athene, die im strahlend weißen Hosenanzug wie eine Lichtgestalt auf der schwarzen Bühne erscheint, kann dem Einhalt gebieten. Sie lässt gleichsam im Schnelldurchlauf eine ordentliche Gerichtsverhandlung abhalten. Ein neues Zeitalter, in dem nicht mehr die Götter entscheiden, sondern das Volk, hat begonnen.



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Artikel vom 05.09.2010 - 20.01 Uhr
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