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Stadttheater eröffnet mit der »Orestie« von Aischylos die Spielzeit

Artikel vom 05.09.2010 - 20.01 Uhr

Stadttheater eröffnet mit der »Orestie« von Aischylos die Spielzeit

Corbinian Deller, in dieser Spielzeit neu am Hause, hat die wahnwitzige Aufgabe übernommen, mit dem Orest nicht nur die Titelrolle zu spielen, sondern auch im Chor maßgeblich zu wirken. Respekt vor diesem Textpensum und Respekt auch vor der Selbstsicherheit, mit der der junge Schauspieler seine Visitenkarte abgibt. Sein Orest ist heißblütig und rachedurstig, den materiellen Vorzügen des Mordes an der eigenen Mutter aber auch nicht abgeneigt. Carolin Weber spielt Klytaimnestra - und auch ihr gelingt es, die Doppelgesichtigkeit der Mutter, die den Tod der von ihrem Vater Agamemnon geopferten Tochter Iphigenie betrauert, gleichsam ihre eigene Rache aber mit einer erschreckenden Konsequenz auslebt, nachvollziehbar zu machen. Im blutdurchtränkten Kittel widerlegt sie das Vorurteil, dass Frauen beim Morden eher zu Gift denn zur Axt greifen. Kai Hufnagel als Agamemnon - und später als mephistophelisch-aalglatter Gott Apollo - beweist Mut zum Drastischen. Als Kriegsheimkehrer im Guerillakämpfer-Outfit wirkt er müde und abgekämpft, als blutbeschmierte Leiche lässt er sich stuntmanartig fallen und als Gottgestalt Apollo zeigt er seine locker-lässige Seite. Kyra Lippler kostet zunächst als orakelnde Kassandra das Leid aus, um dann als Lichtgestalt Athene einem Showstar gleich zu erscheinen. Irina Ries kann sowohl als trauernde Elektra überzeugen als auch später im Zusammenspiel mit Petra Soltau als furiengleiche, personifizierte Gewissensbisse. Soltau verleiht zudem dem Chor der Frauen des Atriden-Hauses eine glaubwürdige Steimme. Rainer Hustedt übernimmt als Wächter die Aufgabe, die Zuschauer zu Beginn der Trilogie quasi in die Geschichte hineinzusaugen und wirkt als Chor der Ältesten von Argos. Frerk Brockmeyer spielt einen Herold, Roman Kurtz bleibt als Klytaim- nestras Geliebter Aigisthos eher eine Randerscheinung und Milan Pesl ist als Orest-Freund Pylades zwar eher unauffällig, kann aber als »Dirigent« des dreizehnstimmigen Chors echte Führungsqualität zeigen.

Parviz Mir-Ali und Henrik Oppermann haben Musik geschaffen, die mit rockiger E-Gitarre und »Trance«-Sound einen Kontrapunkt zum archaischen Spiel auf der Bühne setzt - aber eigentlich ging es auch ohne die Musik.

Das Premierenpublikum quittierte gegen 22.30 Uhr den »gewaltigen Brocken«, den Georgi und das fast vollzählige Ensemble serviert hatten, mit wohlwollendem Applaus. Auch ohne seherische Fähigkeiten lässt sich prophezeien, dass diese Inszenierung für Gesprächsstoff sorgen und noch lange in Erinnerung bleiben wird.

Karola Schepp

 

(Weitere Vorstellungen am 11., 18., 25. und 30. September sowie am 15. Oktober, 5. November und 9. Dezember.)



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