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Und nach dem Konzert in Russland kamen sogar die Autogrammjäger

Artikel vom 30.01.2010 - 14.00 Uhr

Und nach dem Konzert in Russland kamen sogar die Autogrammjäger

Staufenberg (mlu). Warum befindet sich im Kleiderschrank des Bio-Landwirtes Jens Amend in Treis ein veritabler Bestand an Anzügen, die er schmunzelnd als »Souvenirs« bezeichnet und die so aussehen, als wären sie noch nie getragen worden?
Jens Amend (38) aus Treis am Klavier mit Bach-Büste	(Foto: mlu)
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Jens Amend (38) aus Treis am Klavier mit Bach-Büste (Foto: mlu)
Die Antwort fällt ein wenig skurril aus: »Mit Smoking und so bin ich etwas abergläubisch. Ich habe mir zu Wettbewerben nie einen Anzug mitgenommen, weil ich immer davon ausgegangen bin, das Finale eh nicht zu erreichen. Wenn es dann soweit war, musste ich mir immer spontan einen kaufen.« Als die »Allgemeine Zeitung« im dritten Beitrag – erschienen am 22. Juli 1995 – der damals gerade neuen Serie »Menschen in der Region« den damals 23-jährigen Jens Amend porträtierte, zeichnete sie das Bild eines bescheidenen und zugleich hochambitionierten jungen Mannes, der einen wundersamen Spagat vollführt: einerseits ist er ein Bio-Bauer, der Mähdrescher fährt und Kühe melkt, andererseits ein aufstrebendes Musiktalent, dem eine internationale Organistenkarriere vorschwebt. 15 Jahre später leitet Jens Amend die Kantorei Alsfeld, hat sich als Organist international etabliert und wird demnächst eine Solo-CD einspielen. Doch seinem von den Eltern ererbten »Hang zur eigenen Scholle« ist der zurückhaltende Treiser mit dem fuchsroten Haar bis heute treu geblieben. Und sein bisheriger Lebenslauf wirft ein ganz neues Licht auf den Begriff des »Orgelbauers«.

Das Verhältnis von Orgelbank und Kuhstall »hält sich insgesamt die Waage«, sagt Jens Amend. Und parallel zu seiner Karriere als Musiker expandierte auch der Hof. »Beides ist ein Teil von mir«, so der mittlerweile 38-Jährige. »Wenn eines nicht da wäre, dann fühlte ich mich nicht erfüllt.« Zu vereinbaren ist dieses Doppelleben deshalb vergleichsweise leicht, weil beide Tätigkeiten ihre eigene Saison haben.

Dass Jens Amend in den vergangenen Jahren nicht zu einem Soloinstrumentalisten avanciert ist, der pausenlos um die Welt jettet, liegt mitunter daran, dass die Orgel als Konzertinstrument hierzulande in keinem besonders hohen Ansehen steht. »In Deutschland wird Orgel stark mit Kirche assoziiert. Man denkt an Dorforganisten, die geradeso ihren Gottesdienst spielen können«, charakterisiert er die landläufige Einstellung und bedauert sie ein wenig. Denn ehrgeizig ist Jens Amend allemal, auch wenn er sich das in seiner dezenten Art nicht auf den allerersten Blick anmerken lässt.

Als er 2005 ausnahmsweise einmal keinen internationalen Preis abräumte, lag er eine Woche mit Magen-Darm-Grippe darnieder: »Da musste ich morgens um acht spielen, war so vollgepumpt mit Kaffee, dass die Hände zitterten, wo ich doch ziemlich fuddelige Passagen spielen musste. Es gab einige Streifschüsse, und ich bin rausgeflogen.« Eine nennenswerte Krise war das jedoch nicht, denn Jens Amends Erfolge überwiegen. Und es sind Erfolge, die sich wahrhaft sehen lassen können. »Letztes Jahr habe ich beispielsweise in der Kaliningrader Philharmonie vor 700 Leuten gespielt«, berichtet er. »Da kamen sogar Autogrammjäger nach dem Konzert, und unter zwei, drei Zugaben kam ich da nicht raus. So etwas wollte ich nicht dauernd haben, aber gelegentlich tut es natürlich schon gut.«

Genau dort, in Kaliningrad (Russland), erlebte er 2007 einen seiner herausragendsten Erfolge: In der Gesamtwertung des Orgelwettbewerbs »Michael Tariverdiew« errang er den zweiten Preis und erhielt einen Sonderpreis für die beste Interpretation der Finalrunde. Keinem Organisten aus Deutschland war zuvor die Qualifikation für die Endrunde dieses Wettbewerbs gelungen. Im Fußballgeschäft entspräche sie dem Finale der »Champions League«. »Da fühlte ich mich schon ein bisschen wie ein Star: Pressekonferenz, Dolmetscher, Fernsehübertragung, Taxi vor dem Hotel: Das war spannend und interessant.« Doch nicht allein die internationalen Tourneen und Triumphe – ob in Heidelberg, Nijmegen (Niederlande), Helsinki (Finnland), Kazan (Russland) oder Luxemburg – gehören für Jens Amend zu den prägenden Wegmarken seiner Karriere. Für den Kirchenmusiker und Chorleiter, der nach seinem Studium in Frankfurt/Main bei Professor Sander in Heidelberg studierte, um dessen bevorzugter Schüler zu werden, nehmen die Aufführung der »Matthäus-Passion« 2002 in Lampertheim oder des »Elias« 2008 in Rabenau-Londorf einen ähnlich hohen Stellenwert ein wie die gelegentlichen Höhenflüge.



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Artikel vom 30.01.2010 - 14.00 Uhr
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