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»Politik geht uns hier gar nichts an«

Artikel vom 03.02.2009 - 23.18 Uhr

»Politik geht uns hier gar nichts an«

Die erste Überschrift des »Intelligenzblattes« vom 4. Januar 1834 würde man heute kaum als Schlagzeile akzeptieren: »Die Redaktion des friedberger Intelligenzblattes an das wetterauer Publikum.« Gedruckt in Frakturschrift, damals die meistbenutzte Druckschrift im deutschsprachigen Raum, spricht die Redaktion einer neuen Zeitung ihre Leser an, klärt auf über das, was sie auf den folgenden Seiten - in den Anfangsjahren ein Bogen, ergo vier Seiten - erwartet.
Die erste Seite des von Carl Christian Bindernagel verlegten und von Johann Philipp Dieffenbach verfassten »Intelligenzblattes«.
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Die erste Seite des von Carl Christian Bindernagel verlegten und von Johann Philipp Dieffenbach verfassten »Intelligenzblattes«. (Foto: wz)
Annähernd zweieinhalb Seiten füllt der »Aufmacher«, verfasst in Friedberg »am ersten Advent des Jahres 1833«. Der Artikel ist eine Standortbestimmung in doppelter Hinsicht: Nicht nur, dass über »Zweck und Absicht« des »Intelligenzblattes« aufgeklärt wird, auch die Wetterau selbst wird in den Fokus gerückt: »Wer vor vierzig Jahren unsere Wetterau durchstreifte, der konnte wenigstens alle halbe Stunde in eines andern Herren Landes seyn.« Für die Kleinstaaterei des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation war die Wetterau ein Musterbeispiel. Doch damit ist es vorbei, der größte Teil der Wetterau gehört nun zum Großherzogtum Hessen, die Dörfer und Städte sind durch »materielle« und »geistige Bande« mit einander verknüpft. »Irren wir uns nicht gänzlich, so möchte es, wenn irgendwann, gerade jetzt an der Zeit seyn, dieses Band durch ein periodisches Blatt noch enger zu knüpfen.«

Gerade in den Anfangsjahren unterscheidet sich das »Intelligenzblatt« deutlich von heutigen Zeitungen. »Poltik geht uns hier gar nichts an«, schreibt die Redaktion, »wir begnügen uns mit unserer Wetterau«. Was am Sonntag nach dem Kirchgang Gesprächsthema ist, das sollte seinen Platz in dem neuen Blatt finden. Land und Leute, Sitten und Gebräuche, die Dialekte der Heimat, lehrreiche Geschichten sowie die Gesetze und Verordnungen - damit will man die Leser bekannt machen.

Informationen für den Alltag

Mit diesem Vorhaben knüpfte das »Intelligenzblatt« an seine Namensvettern an, die nach englischem Vorbild seit 1722 in Deutschland erschienen und als Instrument der Aufklärung zu sehen sind: lokale Informationsmittel für das Alltagsleben, die einen Beitrag zur Herausbildung der bürgerlichen Gesellschaft leisten sollten. Das Wort Intelligenz meint dabei nicht das Geistesvermögen der Leser. Im Englischen bezeichnet »intelligence« eine Nachricht (was sich etwa im Namen des US-Geheimdienstes CIA noch erhalten hat: »Central Intelligence Agency«). Intelligenzblätter waren Nachrichtenblätter mit amtlichen Bekanntmachungen sowie geschäftlichen und privaten Kleinanzeigen. So gibt der Friedberger Bürgermeister Fritz in der ersten Ausgabe bekannt, dass eine »Hofraithe« meistbietend verpachtet wird; ferner werden »ein gesitteter Bursch« als Knecht und eine Unterkunft für ein kinderloses Ehepaar gesucht.

Verleger der neuen Zeitung war der aus Friedberg stammende Drucker Carl Christian Bindernagel (1803-1848), der im gleichen Jahr die noch heute bestehende Buchhandlung ins Leben rief. Als »Schriftleiter« (heute würde man Redaktionsleiter sagen) konnte er den Historiker und Rektor der Augustinerschule Johann Philipp Dieffenbach (1786-1860) gewinnen, der in der Folge zahlreiche Autoren an das Blatt band. Wenn Dieffenbach im Aufmacherartikel schreibt, »einige Männer haben uns sogar versprochen, über die Eigenthümlichkeiten unseres wetterauer Dialektes etwas mitzutheilen«, so ist hier beispielsweise der aus Florstadt stammende und in Gießen lehrende Germanist, Lexikograph und Mundartdichter Karl Weigand gemeint.

Das »Intelligenzblatt« erschien anfangs wöchentlich und wurde, wie Bindernagel seinem Publikum auf der dritten Seite mitteilt, »Sonnabends Vormittags ausgegeben«. Den »hiesigen verehrlichen Abonnenten« wurde es in ihre Wohnungen gebracht, auswärtige Abonnenten hingegen, »wenn dieselben es nicht durch die Post beziehen«, mussten das »Intelligenzblatt« selbst beim Verlag abholen. Auch hier hat sich seither einiges verändert. Jürgen Wagner

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Artikel vom 03.02.2009 - 23.18 Uhr
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