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Mit 300 Gulden und dem Segen Gottes

Artikel vom 03.02.2009 - 23.19 Uhr

Mit 300 Gulden und dem Segen Gottes

»Amtlicher Theil« titelt das »Intelligenzblatt« am 1. Februar 1834 auf der ersten Seite. Der »großherzoglich hessische Kreisrath des Kreises Friedberg« richtet sich »an sämmtliche Bürgermeister des Kreises«, und zwar »Betreffend: Die Musterung und Conscription (= Einberufung) im Jahr 1834«.
Firmengründer und Zeitungsherausgeber Carl Christian Bindernagel (1803-1848).	(Foto: pv)
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Firmengründer und Zeitungsherausgeber Carl Christian Bindernagel (1803-1848). (Foto: pv)
Kreisrat Friedrich Küchler, seit 1832 im Amt, fordert die Bürgermeister auf, Ortslisten der Wehrpflichtigen zu erstellen und »Depotansprüche« zu klären. Depot ist eine alte militärische Bezeichnung für einen Ersatztruppenteil. Es geht hier um Zurückstellungen. Interessant ist folgender Satz, der die damals übliche Praxis anspricht, statt seiner selbst einen Ersatzmann zum Militärdienst zu entsenden und sich mit Geld freizukaufen: »Bei der Frage, ob der das Depot Ansprechende vermögend sey, ohne Zerrüttung des Nahrungsstandes der Familie einen Stellvertreter zu stellen, ist die Stellvertretungssumme zu 200 fl. (= Gulden) anzunehmen.«

Das Jahr 1834 war kein ruhiges für das Großherzogtum Hessen-Darmstadt. Georg Büchner war mit dem Butzbacher Rektor und Pfarrer Friedrich Ludwig Weidig bekannt geworden, im Juli ging die wohl bedeutendste deutsche Flugschrift »Der hessische Landbote« mit der Parole »Friede den Hütten! Krieg den Palästen!« in den Druck, es folgten Verfolgungen, Verhaftungen und (1837) der grausame Tod Weidigs im Darmstädter Arresthaus. Nichts davon findet man im »Intelligenzblatt«, getreu der vom Schriftleiter Johann Philipp Dieffenbach ausgegebenen Losung »Politik geht uns hier gar nichts an.« Der Verzicht auf den Abdruck politischer Nachrichten war eine Bedingung gewesen, um die Erlaubnis zur Herausgabe des »Intelligenzblattes« zu erhalten; jede Nummer musste der Zensur vorgelegt werden.

Dem Schriftleiter und mehr noch dem Herausgeber Carl Christian Bindernagel ging es zunächst einmal darum, die Existenz der Zeitung und damit verbunden seine Druckerei zu sichern. Dazu dienten die amtlichen Bekanntmachungen. Unter dem Titelkopf der Ausgabe vom 1. Februar 1834 äußert sich Bindernagel hierzu: »Da nunmehr mein Intelligenzblatt zugleich Amtsblatt für den Kreis Friedberg ist: so erscheinen in demselben von jetzt an alle amtliche Bekanntmachungen, Weisungen, Benachrichtigungen etc., welche Bezug auf den Kreis Friedberg haben. - Obgleich dadurch das Blatt an Interesse und Umfang gewinnt, so findet dennoch für das Jahr 1834 keine Preis-Erhöhung statt. Von der Zahl der Abonnenten hängt es ab, ob später eine Erhöhung eintritt.« Am Abdruck der amtlichen Bekanntmachungen verdiente Bindernagel kein Geld, aber er sicherte sich damit alle Behörden als Bezieher seiner Zeitung, und mit der Zahl der Leser (Angaben über die Auflagenhöhe liegen für diese Zeit nicht vor) wuchs auch die Zahl der privaten Anzeigen.

Lehrzeit »auf der Walz«

Das Geschäft rechnete sich für Bindernagel, der seine Firma erst nach einigen Schwierigkeiten hatte gründen können. Im Oktober 1832 war der Buchdrucker nach einer Lehrzeit »auf der Walz« mit Stationen in Darmstadt, am Bodensee, in München, Regensburg, Nürnberg, Frankfurt und Freiburg in seine Heimatstadt zurückgekehrt und hatte um Erlaubnis gebeten, eine Buchdruckerei zu eröffnen. Im März 1834 notiert Bindernagel in seinem Tagebuch: »Jetzt bin ich schon ein viertel Jahr in meiner Geburtsstadt und freue mich meiner Selbständigkeit. Mein Geschäft hat über mein Erwarten gut begonnen, d. h. unter den Umständen, unter welchen ich es angefangen habe. Eigenes Vermögen hatte ich nicht ganz zweihundert Gulden, und mit diesen war keine Buchdruckerei anzulegen; wo ich zu leihen suchte, zuckte man die Achseln und zog sich zurück, ja ich war nahe daran, auf immer auf meine Vaterstadt zu verzichten, indem der Kreisrath einen anderen Buchdrucker veranlasst hatte, sich hier niederzulassen.« Schließlich kann Bindernagel sein Vorhaben doch noch verwirklichen. Ein Freund leiht ihm 300 Gulden, »und mit diesem Gelde begann ich mein Geschäft und der Segen Gottes war bis hierher darin«.

Wo die Druckerei eingerichtet wurde, ist heute nicht mehr bekannt. Vermutlich im Häuserblock südlich der Stadtkirche. 1839 wurde die Firma in die Burg verlegt, im Laufe der Jahre wurden neue Druckmaschinen angeschafft, es entstand ein Formularverlag für Behörden. Das »Intelligenzblatt« wurde nach und nach auch Kreisblatt für Nidda, Hungen und Grünberg, die Seitenzahl stieg von 316 im Jahr 1834 auf 450 im Jahr 1842. Kreisboten und später die Post vertrieben die Zeitung in der gesamten Region. Auch der Buchverlag und die angeschlossene Buchhandlung (später durch den Großherzog zur »Hofbuchhandlung« ernannt) samt Musikalien- und Schreibwarenhandlung florierten. 1865 wurde zusätzlich eine Leihbibliothek eröffnet und 1867 eine Filiale in der Parkstraße in Bad Nauheim, die bis zum Ersten Weltkrieg bestand.

1892 verlegte der älteste Sohn des Firmengründers, Carl Bindernagel, das Unternehmen in das Haus Kaiserstraße 72, wo sich noch heute die Buchhandlung unter der Leitung von Christian und Frederike Herrmann befindet; Filialen gibt es in Butzbach und Büdingen. Das Zeitungsgeschäft musste die Firma Bindernagel 1943 aufgeben. 1936 sprach die NSDAP Kurt Bindernagel das Recht auf Herausgabe einer Zeitung ab, da er der Friedberger Loge angehörte. Sein Neffe Dr. Fritz H. Herrmann kaufte den Verlag und übernahm die Schriftleitung des Blattes, »das als nicht parteiamtliche Zeitung in hartem Existenzkampf stand«, wie es in einer Firmenchronik heißt. Im April 1943 wurde der »Oberhessische Anzeiger« aus angeblich kriegswichtigen Gründen eingestellt. Dazu an späterer Stelle mehr. Jürgen Wagner

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Artikel vom 03.02.2009 - 23.19 Uhr
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