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Geistreiche Episoden: Jens Friebe liest im Jokus

Artikel vom 18.02.2010 - 16.59 Uhr

Geistreiche Episoden: Jens Friebe liest im Jokus

Sicher nicht mit den »Essais« von Montaigne zu vergleichen, aber klüger als die meiste Popliteratur ist das Buch »52 Wochenenden. Kritische Ausgabe« von Jens Friebe allemal. Der Musiker und Autor las am Mittwochabend aus verschiedenen Kapiteln seines sehr essayistisch geprägten Tagebuchromans im Jokus vor.
Brachte seine Zuhörer zum Schmunzeln: Jens Friebe bei seiner Lesung im Jokus.	(Foto: bjt)
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Brachte seine Zuhörer zum Schmunzeln: Jens Friebe bei seiner Lesung im Jokus. (Foto: bjt)
Das Buch handelt vom Ausgehen und beschreibt analytisch sowie geistreich und witzig Alltägliches, Ernstes und Unwichtiges, kurz: das, was Friebe an 52 Wochenenden im Jahr 2006 erlebt hat. Zu Beginn war es eine »Taz«-Kolumne, dann ein Blog und schließlich ist ein Buch daraus geworden.

Friebe las von hinten nach vorne und mal hier, mal da, was nicht störte bei zusammenhanglosen Kapiteln - zwar etwas monoton, aber die wenigen Zuhörer, die sich vom Eisregen nicht hatten abschrecken lassen, folgten ihm dennoch amüsiert und gespannt.

Ein Kapitel handelte vom Rock ’n’ Roll. Davon, was er ist und was er nicht ist. Friebe, der bereits einige Alben mit Titeln wie »Lawinenhund« oder »Das mit dem Auto ist egal, Hauptsache dir ist nichts passiert« herausgebracht hat, beschreibt den Rock ’n’ Roll in seinem Buch anhand eines Erlebnisses mit seiner Band folgendermaßen: »Wenn man sagt, eine Unterkunft sei Rock ’n’ Roll, meint man meistens unluxuriös am Rande des Asozialen, das Gegenteil davon die Suite mit Sekt, Nutten und extra dünnen Fensterscheiben zum Fernseherrausschmeißen, wäre andererseits natürlich auch Rock ’n’ Roll. Ist also, wie es das Sprichwort will, alles Rock ’n’ Roll? Natürlich nicht, ein gutes Beispiel für überhaupt gar nicht Rock ’n’ Roll ist das Jugendgästehaus in Münster, in dem der Veranstalter uns vieren ein Dreibettzimmer reserviert hatte.«

Ähnlich ging es weiter: Über »verarmten Elektroadel« in Berlin, »fleischgewordene Allegorien« vor der WM 2006, die »Phantomspeisung des Mikrofons« und ein als Tarot benutztes Autoquartett. Friebe hat ein Gespür für Details, für Menschen und ihre Probleme und stellt sie offen, amüsant und schonungslos dar. Die »FAZ« feierte das Buch begeistert: »So nah hier alles - wie immer bei gutem Pop - an allseits bekannten Alltäglichkeiten ist und diese präzise und pointiert abbildet, so sehr spinnt Friebe im nächsten Moment völlig unspektakuläre Begebenheiten ins Absurde oder ergeht sich in literarischen Persiflagen und purer Science-Fiction.«

Warum gab es jetzt eine kritische Ausgabe? Jens Friebe erklärte es gleich zu Beginn: Mittlerweile sei viel Wasser den Rhein heruntergeflossen und dadurch wurde es Zeit, eine kritische Ausgabe herauszubringen. Diese ist, nachdem die Erstausgabe des bei Kiepenheuer und Witsch herausgebrachten Buches rasch vergriffen war, beim Verbrecher Verlag erschienen und an einigen Stellen von der Germanistin Jelenia Gora korrigiert worden. Jelenia Gora? Friebe erklärte dem Publikum, wer sich hinter der ominösen Jelenia Gora verbirgt: Ursprünglich sei sie ausschließlich ein Pseudonym für Redakteure der Musikzeitschrift »Intro« gewesen. Mit der Zeit habe man diese virtuelle Person dann so mit Gedanken und Wissen aufgeladen, dass sie mittlerweile Professorin an der Humboldt-Universität in Berlin sei und dort Germanistik lehre. Nun sei sie verantwortlich für den kritischen Apparat seines Buches. Aha!

Zum Ende erheiterte er das Publikum noch mit einer Abhandlung über die Folgen des übermäßigen Alkoholkonsums - den Kater. Für Friebe ist der Zustand beim Filmriss dem pränatalen Zustand gleichzusetzen: Denn am Morgen danach scheint es uns, als würden wir geboren. Mit der Erkenntnis, dass man eine »postalkoholische Depression« besser nicht vor dem Fernseher auszukurieren solle, da das Sehen einer Milchreiswerbung mit Jean Pütz zum Selbstmord führen könne, verabschiedete sich Jens Friebe nach einer guten Stunde von seinem Publikum, das er an diesem Abend geistreich unterhalten hatte. bjt

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Artikel vom 18.02.2010 - 16.59 Uhr
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