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Die Vortrefflichkeit der Sauerkrautbrüh in der Medizin

Artikel vom 03.02.2009 - 23.25 Uhr

Die Vortrefflichkeit der Sauerkrautbrüh in der Medizin

»Auf einen, der den Durchbruch geschafft hat, kommen viele, die auf der Strecke geblieben sind«, hat der Historiker Michael Keller, heute Bürgermeister von Friedberg, 1984 in einem Aufsatz mit dem Titel »Links und rechts der Wetterauer Zeitung« geschrieben. Einige dieser auf der Strecke gebliebenen Friedberger Zeitungen sollen im Rahmen unserer Serie kurz vorgestellt werden.
Die Lithographie von Fr. Ph. Becht aus dem Jahr 1840 zeigt einen Blick ins Innere der Burg Friedberg mit der Burgkirche, dem (vo
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Die Lithographie von Fr. Ph. Becht aus dem Jahr 1840 zeigt einen Blick ins Innere der Burg Friedberg mit der Burgkirche, dem (vom Kirchturm verdeckten) Adolfsturm und der »Buchhandlung von C. Bindernagel« (vorne rechts), die seit 1839 ihren Sitz in der Burg hatte. Hier wurde auch das »Intelligenzblatt« gedruckt. (Archivfoto: pv)
Am 28. Juni 1834 erschien im »Intelligenzblatt« die »Anfrage« eines Lesers. »Im Jahr 1726«, heißt es da, »erschien in unserer Gegend und für dieselbe eine Zeitschrift, welche den Namen ›des Wetterauischen Patrioten‹ führte. Einsender dieses besitzt von dieser Zeitschrift ein einziges Blatt, nämlich das sechste Stück.« Dieses bestehe zwar »zum Theil aus faden Erzählungen und gemeinen und witzig seyn sollenden Spässen«, die »zuweilen an’s Zotenhafte gränzen«. Dennoch möchte der Einsender mehr über den »Wetterauischen Patrioten« erfahren, »um den Geist jener Zeit und Zeitschrift genauer kennen zu lernen«. Er bittet daher die Leser, ihm andere noch vorhandene Exemplare zur Verfügung zu stellen.

Dieffenbach schreibt in einer Fußnote, er könne sich dunkel daran erinnern, »einmal von dieser Zeitschrift Einiges gesehen zu haben«, wisse aber nicht mehr wo. Und er gibt seinen Lesern den Rat, »nicht gerade alles Alte von Papier ohne Weiteres zu Duten (gemeint sind wohl Papiertüten, d. Verf.) verarbeiten zu lassen, sondern zuvor Kennern Mittheilung davon zu machen.« Die ältesten Zeitung verdienten es aufbewahrt zu werden, meint Dieffenbach, »denn sie gehören zu den Urkunden über den Geist ihrer Zeit«.

Der Geist bürgerlicher Tüchtigkeit

Legt der »Wetterauische Patriot« tatsächlich davon Zeugnis ab, so war es ein eher spöttischer Geist. Der Lokalhistoriker Wilhelm Hans Braun hat sich 1934 auf die Suche nach der unbekannten Zeitschrift gemacht. Im Friedberger Stadtarchiv sind heute keine Exemplare mehr erhalten. Braun müssen noch welche vorgelegen haben. Er rechnete den »Wetterauischen Patrioten«, der wohl erstmals 1725 in Frankfurt gedruckt wurde und »nicht über sechs Nummern hinauskam«, den im 18. Jahrhundert verbreiteten »Moralischen Wochenschriften« zu. Diese hießen »Der Patriot« (Hamburg, 1724) oder - als dessen Nachahmer - »Der Biedermann«, »Die Matrone«, »Der Vernünfftler«, »Der Menschenfreund«, »Der Freydenker«, »Der Gesellige« und so fort. An die 500 Wochenschriften soll es damals im deutschsprachigen Raum gegeben haben. Ihr Ziel war es, die Ideen der Aufklärung zu verbreiten und die Leser durch Beispiele von Tugendhaftigkeit, Ethik und Sittsamkeit zu erziehen. Der »Geist bürgerlicher Tüchtigkeit und Aufgeklärtheit« sollte »gegen den höfischen Lebensstil der Perücken und die geistige Knechtschaft des Volkes zu Felde« ziehen, wie Braun schreibt.

Zuchtlose Schweine in Wöllstadt

Um so erstaunter mag man sein, liest man einige Artikel aus dem »Wetterauischen Patrioten« (wobei hinzukommt, dass die Sprache der damaligen Zeit heute nur schwer zu verstehen ist). Nehmen wir eine Nachricht vom 3. August 1725, die von einem eher ungewöhnlichen Vorhaben aus Nieder-Wöllstadt (»Niederwielstadt«) berichtet: »Weilen die unbescheidene und zuchtlose Schweine das vor zwey Jahren erst von gelb und weissen Rüben kostbare Pflaster abermahl gäntzlich ruiniret, als ist man gesonnen den ganzen Orth mit Diehlen zu belegen; weilen aber dieses ein sehr kostbares Werck, und der Nachbarschafft nicht zuzumuthen ist, solche grosse Kosten zu tragen, hat man zu dem Ende nach dem Exempel anderer auch berühmten Orten, einen Einlaß oder Sperre angerichtet, wovon die Verordnung wie solche gehalten werden soll, nächstens beim publico durch den Druck bekandt gemacht werden wird.« Wollten die Nieder-Wöllstädter wirklich ihren Ort mit Dielen auslegen, weil die Schweine so viel Dreck machen? Und diente die Zollsperre, welche laut Braun wirklich errichtet worden war, tatsächlich dazu, das Geld für dieses ungewöhnliche Vorhaben zu beschaffen? Oder macht sich hier nicht eher jemand über die Nieder-Wöllstädter lustig?

Weitere Nachrichten lassen den Schluss zu, dass hier die »Öde und Belanglosigkeit der damaligen Zeitungen« (Braun) vorgeführt werden sollten: Man liest vom Kampf zweier Kühe in Sulzbach, wobei ein »Oberhoffmeister« in Verwahrung genommen wurde, weil er als Sekundant einer der beiden Kühe versagt habe; man erfährt von einem Herrn »Adrion Schellkopp« aus Petterweil, der im Begriff sei, »einen sehr gelahrten Tractat vom Nutzen und der Vortrefflichkeit der Sauerkrautbrüh in der Medicin zu schreiben«; im Buchladen des Herrn Rondeaux zu Kaichen seien »Leben und Thaten des Weltberühmten Ritters Don Schnudelbuz« vorrätig, übersetzt aus dem Spanischen von »Lorentz Gürtelknopff«; der Ortsname Kloppenheim (»Kloppem«) schließlich verleitet den anonymen Verfasser zu der Meldung, dort seien sich »einige junge Herren in einem Bier-Hauß« beim Spiel in die Haare geraten, und »da der eine dem andern die Naaße einem hölzernen Teller nicht ungleich formirte«, habe man sie in die Conciergerie (gemeint ist wohl ein Gefängnis) gebracht, »worinnen ihnen die Hosen statt der Naaße auffs neue gegerbet, und ihnen der Appetit zum schändlichen Spiel in etwas vertrieben wurde.«

»Pasquillant, Lügner, Verleumder«

Als »Pasquillant« (Verfasser einer Schmähschrift), Lügner und Verleumder wird der Autor des »Wetterauischen Patrioten« von seinen Kritikern bezeichnet, die Gegenschriften verfassen und ihm vorhalten, er sei »kein rechtschaffnes Landes-Kind der vortrefflichen Wetterau«, sondern wolle Landschaft und Bewohner lediglich verunglimpfen. Braun zieht das Resümee, dass »auch in diesem Ulk dieselbe erzieherische Absicht wie in den anderen Moralblättchen« stecke; die Art, wie der unbekannte Verfasser diese Absicht verwirkliche, hebe ihn aber »weit über die meisten jener faden und ledernen Aufklärichte hinaus«. Ein wirklicher Vorläufer des »Intelligenzblattes« war der »Wetterauische Patriot« also nicht, er taugt heute wohl allenfalls als Kuriosität der heimischen Presselandschaft. Jürgen Wagner

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Artikel vom 03.02.2009 - 23.25 Uhr
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