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Ein paar Wahrheiten über die »Lügenpresse«

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Artikel vom 30.01.2016 - 10.00 Uhr

Ein paar Wahrheiten über die »Lügenpresse«

Was wir beim Schreiben beachten müssen und wollen: Grundgesetz, Presserecht, Pressekodex. Ein Beitrag gegen Polemik, Herabsetzung und pauschale Diffamierung.

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© dpa/Archiv
Der Anrufer ist empört: »Ihr seid doch alle gleich. Ich sage nur: Lügenpresse! Geben Sie doch zu, dass Sie manche Dinge nicht schreiben dürfen. Man sagt Ihnen doch von oben, was in Ihre Zeitung darf und was nicht. Das weiß doch mittlerweile jeder.« Und dann legt er auf. Widerspruch ist zwecklos. Offenbar auch nicht gewünscht. Wenigstens hat er mich nicht geduzt wie einige andere zuvor. Ja, es ist nicht der erste Anruf dieser Art an diesem Morgen. Wir bekommen auch Zuschriften, in denen sich Leser so oder so ähnlich äußern. Es sind die Tage nach Köln. Weil die Polizei dort wichtige Informationen zurückgehalten hat, können wir – wie auch alle anderen Medien – erst mit Verspätung über die Vorfälle berichten. Das glauben uns viele Leser aber nicht, sie wittern Verschwörung und Absicht.

Ich habe Verständnis dafür. Denn auch ich verstehe nicht, warum man in Köln noch an Neujahr und darüber hinaus von einer ruhigen Nacht gesprochen hat. Aber ich mag es nicht, wenn man mich einen Lügner nennt. Und meine Kollegen mögen das auch nicht. Gut, ich flunkere schon mal, aber nur privat. Wenn es um unsere Zeitung geht, bemühe ich mich hartnäckig um Ehrlichkeit. Ich handele nach bestem Wissen und Gewissen, beziehe alle mir bekannten Informationen ein, versuche umsichtig zu handeln. Dabei mache ich auch Fehler. Aber ich lüge nicht.

Was das Problem ist

Warum sollte ich überhaupt lügen? Ich bin Demokrat, habe aber kein festzementiertes Weltbild. Ich bin in keiner Partei, bin Wechselwähler. Ich habe eine ziemlich konkrete Vorstellung davon, was Politik leisten soll, bin für soziale Gerechtigkeit, für Menschlichkeit und Ehrlichkeit. Aber ich möchte niemandem meine Meinung aufdrängen. Ich schätze das sicher nicht ganz ausgereifte Konstrukt Europäische Union. Mag sein, dass wir eine Reform der EU benötigen. Aber die Mitgliedschaft ist das Beste, was uns passieren konnte. Ich bin auch für den Euro. Er ist eine stabile Währung, die Inflationsrate ist niedriger als zu D-Mark-Zeiten. Auch wenn die gefühlte Wahrheit eine andere ist. Ich fahre immer wieder gerne nach Bayern in den Urlaub, mag die Berge, die Täler, die Natur. Aber Markus Söder mag ich nicht. Ralf Stegner von der SPD mag ich aber auch nicht. Ich schätze Menschen, die schon mal gegen den Strom schwimmen, aber ich mag keine selbstgerechten, sogenannten Querdenker, keine Verschwörungstheoretiker, keine Menschen, die alles nur schlecht reden. Ich finde, dass es uns gut geht, dass wir in einem schönen Land leben. Ich mag die Bundeskanzlerin, bin aber der Meinung, dass sie auch immer mal Fehler macht. Warum auch nicht ... Sie ist auch nur ein Mensch. Und ich mache mir Sorgen darüber, ob und wie wir den zurzeit fast ungebremsten Zuzug von Flüchtlingen verkraften können. Aber ich stehe auch zu hundert Prozent hinter den in unserem Grundgesetz verankerten Grundrechten. Da steht im Artikel 16a, Absatz 1: Politisch Verfolgte genießen Asylrecht.

Ich weiß, dass wir in unserem Land Probleme haben. Auf vielen Feldern. Die Integration der Flüchtlinge ist sicher eine riesige Aufgabe. Aber den Zuzug zu begrenzen, ist eben nicht einfach. Es ist leicht, zu sagen: »Schließt unsere Grenzen!« Aber was passiert dann? Wir verlagern das Problem. Und wir werden in der Folge Bilder sehen, die uns hoffentlich daran erinnern, dass wir als reiches, als demokratisches Land und als Exportnation nicht nur die Vorteile des freien Handels für uns reklamieren können, aber ansonsten die Grenzen dicht machen.

Was recht ist

Um was es uns, der Chefredaktion dieser Zeitung, mit diesem Beitrag geht: Wir haben Verständnis für die Sorgen und Ängste unserer Leser. Das endet aber dort, wo es sich manche Menschen einfach zu leicht machen, sich über Gesetze hinwegsetzen, an die wir uns halten müssen und wollen. Es gibt Männer und Frauen, die fordern für sich Redefreiheit, uneingeschränkt und bedingungslos. Ja, man muss manches einmal sagen dürfen, aber damit darf man die Grundrechte anderer nicht verletzen, muss das Presserecht achten. Und wir als Tageszeitung außerdem noch den Pressekodex. Der ist in seiner Gesamtheit zwar eindeutig, aber manchmal ist es, wie bei anderen Paragrafen auch, in Einzelfällen eine Auslegungssache. Der Pressekodex ist eine Sammlung journalistisch-ethischer Grundregeln, die der Deutsche Presserat 1973 vorgelegt hat. Verleger und Journalisten haben damals den darin formulierten publizistischen Grundsätzen durch ihre Verbände zugestimmt. Der Pressekodex hat somit den Charakter einer freiwilligen Selbstverpflichtung. In Ziffer 12 – Diskriminierung – heißt es: »Niemand darf wegen seines Geschlechts, einer Behinderung oder seiner Zugehörigkeit zu einer ethnischen, religiösen, sozialen oder nationalen Gruppe diskriminiert werden.«



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Artikel vom 30.01.2016 - 10.00 Uhr
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Leserkommentare
(03.02.2016 21:13)
Vollkommenheit
Ein paar Wahrheiten über die L
Dazu kann ich nur sagen: "Die Gedanken sind frei, wer kann sie erraten!"
Der Pressekodex hat somit den Charakter einer freiwilligen Selbstverpflichtung. In Ziffer 12 – Diskriminierung – heißt es: »Niemand darf wegen seines Geschlechts, einer Behinderung oder seiner Zugehörigkeit zu einer ethnischen, religiösen, sozialen oder nationalen Gruppe diskriminiert werden.«
Ja, das steht hier - aber wie ist es in Wirklichkeit. Es steht so vieles auf dem Papier - Papier ist sehr geduldig?
Meine Erfahrungen sind gerade das Gegenteil. Man wird diskriminiert wenn man eine Behinderung hat. Es wird nur alles schön gerdet. Sei es bei der Arbeitssuche oder auch im täglichen Leben - Miteinander. Wenn man nicht funktioniert wie gewünscht - ist man weg vom Fenster oder kommt erst garnicht ans Fenster.
(31.01.2016 20:54)
kolter
In Polen
"dort werden Fernsehsender gerade direkt staatlicher Aufsicht unterstellt"
Na und? Das ist bei unseren ÖR doch genauso. Haben Sie sich deswegen schon mal aufgeregt?
(31.01.2016 18:50)
MatthiasM
...
In Deutschland darf nicht nur jeder sich aussuchen wo er sich informiert, man darf auch selbst publizieren. Man darf "Feindsender" hoeren oder sich auch im Internet schlau machen.
Das reicht aber den Rechtspopulisten nicht, sie wollen naemlich auch bestimmen wo ich mich informiere. Nur weil nicht alle ihre duemmlichen Hetzseiten ernst nehmen, muessen sie die Publikationen diffamieren, die sie verachten, weil diese nicht ihre Meinung darstellen.
Was Rechtspopulisten unter "Meinungsfreiheit" verstehen kann man gerade in Polen sehen, dort werden Fernsehsender gerade direkt staatlicher Aufsicht unterstellt. Und diese sollen dann die Regierung kritisieren?
Lest doch eure verlogenen Verschwoerungsseiten , aber bitte ueberlasst es mir wo ich mich informiere!
(31.01.2016 13:14)
sandha
Zufrieden
Die deutsche Presselandschaft ist vielfältig und gut.
Da kann sich jeder seinen Favoriten heraussuchen.
Wer damit nicht zufrieden ist:
Selber besser machen!
(31.01.2016 12:04)
Illja
Freie Presse?
Die Presse ist nur für den frei, dem sie gehört.
https://propagandaschau.wordpress.com/2016/01/30/wolfgang-herles-es-gibt-in-den-oeffentlich-rechtlichen-anweisungen-von-oben/#more-19338
(30.01.2016 17:11)
das medium
Die Welt ist so wie sie ist...
Schlichte Gemüter gab es schon immer, nur leider ist die Presse seit ca. 2005 gleichgeschaltet. Vielfalt wird medial überall propagiert, und zwar in Form von Durchsetzung der deutschen Population mit besonders vielen muslimischen Hinterwäldlern aus allen Regionen der Welt, vom Steuermichel alimentiert, versteht sich. Kritische Stimmen in der Presse: Fehlanzeige!! Ansonsten werden kritische Kommentatoren niedergeknüppelt von bezahlten Schreiberlingen mit der allseits bekannten Keulenargumentation,
dargereicht von unseren lieben unsichtbaren, transatlantischen NWO-Durchpeitschern, aus dem dem ach so beliebten Argumentationsbaukasten für betreutes Denken. Proportional zum Wirken der Propagandamaschinerie, sinkt die Vielfältigkeit der Meinungen in der Presse auf den Nullpunkt.
(30.01.2016 16:12)
Nachgedacht
Es gab einmal die Freie Presse
Gi.Allgemeine-Zeitung statt Freie-Presse. Damit ist eigentlich alles gesagt. Es wurde entschieden sich allgemein zu äußern / zu berichten; das zu sagen, was alle sagen bzw. drucken / veröffentlichen.
M.E. führte genau dieser Pressekodex von 1973 führte zu einer Art Presse-Einheitsbrei, an dem doch letztlich kein Mensch mehr ernsthaft interessiert sein kann, weil nicht Ross & Reiter genannt werden. Der Leser soll sich demnach gar keine eigene Meinung mehr bilden brauchen / können (z.B. über schützenswerte Minderheiten, wie auch immer gelagert), sondern dem Leser wird besagter vorgefertigter & steriler Einheitsbrei serviert. Fast-Food-Journalismus eben; mehr aber auch nicht.
Wen wundert`s, wenn da letztlich Begriffe wie "Lückenpresse" oder gar "Lügenpresse" aufkommen; und zwar Lügen / Verfälschungen durch Weglassen & Ausblenden von Tatsachen, "die den Leser nicht zu interessieren haben." Oder was denkt man sich dabei ?
Doch genau das führt dazu, dass Leser "zwischen den Zeilen" lesen.
(30.01.2016 15:57)
DarthVader
Meinungsbildung
Es lässt sich nicht von der Hand weisen das sich (zu viele) Menschen von den Medien beeinflussen oder lenken lassen. Manchmal kommt es nur auf kleine Nuancen oder sogar nur auf die Überschrift an wie ein "objektiver Bericht" beim Leser oder beim Zuschauer ankommt. Professionelle Redaktionen wissen genau auf welche Formulierungen es ankommt und genau hier liegt auch die Gefahr. Man kann eine Antifa-Demo trotz (von links ausgehenden) Krawallen immer noch als "Wichtiges Zeichen gegen Rechts" aussehen lassen, friedliche Teilnehmer an einer Pegida-Demo werden dagegen pauschal mit den Attributen "Neidbürger", "unterer Bildungsstand" oder "Nazis" versehen, weil man deren (berechtigtes oder nicht) Anliegen natürlich als "undemokratisch" brandmarken will (oder muss?). Ich finde das Wort "Lügenpresse" trotzdem nicht angebracht, den Vorwurf der nicht immer ganz objektiven Berichterstattung, auch wenn durch staatliche Zensur verordnet, muss sich die eine oder andere Redaktion allerdings gefallen lassen...
(30.01.2016 14:28)
gissenus anticus
Sinnlos
Schlichte Gemüter, denen die Welt zu kompliziert geworden ist, suchen immer nach einfachen Lösungen. Mal sind es die Politiker, mal die Lügenpresse, dann die jüdische Weltverschwörung. Da helfen keine Diskussionen, da hilft nur Ignorieren, und wo es nötig ist das Strafgesetzbuch...
(30.01.2016 14:21)
Brunnenwasser
Undifferenzierte Vorwürfe
Man kann die Wetterauer Zeitung nur loben für Ihre Arbeit, insbesondere was die lokalen Berichte angeht (weswegen ich Sie auch hauptsächlich lese). Warum sollte diese Zeitung beim Sport oder dem Bericht der Stadtversammlung lügen ? Schwachsinn.
Nachrichten aus aller Welt dagegen sollte man heute aus mehreren Quellen verfolgen, um sich wirklich ein Bild verschaffen zu können. Unsere "Leitmedien" (Springer, FAZ, Die Zeit etc. ) sind durch und durch pro-westlich geprägt: Da ist keine Vielfalt sondern nur vorauseilender Gehorsam gegenüber unseren amerikanischen Freunden, deswegen sollte man sich auch anderer Quellen im Internet bedienen. Wer dies aber von vornherein ablehnt, hat nichts verstanden und wird leichtes Opfer von Pegida und Populismus.
(30.01.2016 13:36)
Iceminer
Tja, was soll man sagen
"Lügenpresse" ist ein schwerer Vorwurf. Wenn auf Druck eines Politikers (Roland Koch) kritische Fernseh-Chefredakteure (Nikolaus Brender) aus dem Amt gedrängt werden und durch "linientreue" Parteikollegen ersetzt werden braucht man sich nicht zu wundern.
Markus Brauck kommentierte das seinerzeit (2009) so: "Damit hat die Politik dem Sender das Rückgrat gebrochen."
Und was bei Fernsehredaktionen passiert, (nicht nur beim ZDF, auch der hessische Rundfunk wurde von dem Herrn Koch "gesäubert"), kann vielleicht auch bei den Printmedien so ähnlich geschehen.
Weiss man es ?
(30.01.2016 13:19)
belzebub
Ich persönlich
werfe z.B. der GAZ keine Lügenpresse vor. In vielen Fällen sind sie auf die Pressemitteilungen der Polizei und anderer Behörden angewiesen und wie in der letzten Zeit oftmals bekannt wurde, ist diese Informationspolitik der Polizei bewußt falsch.
-Für mich persönlich wäre interessant, warum in der Printausgabe am Montag zu lesen war, dass die beiden Festgenommenen Personen Flüchtlinge waren, in der Printausgabe später war von Leuten ohne festen Wohnsitz die Rede. Die Polizei kann es nicht geändert haben.
-Warum z.B. ist durch Ihre Zeitung nie darüber berichtet worden, ob es zutrifft, dass bei Diebstählen im Aldi Ursulum der Schaden durch eine Behörde bezahlt wird. Diese Mythen aufzuklären wäre doch in jeder Hinsicht von Vorteil.
(30.01.2016 12:51)
kolter
Guter Journalismus
arbeitet objektiv, gut recherchiert und umfassend und vermeidet, die eigenen politischen Ansichten einfließen zu lassen. Ausnahme: Als solche gekennzeichnete Kommentare.
Dies ist in der Vergangenheit in großen Teilen der Presse und dem ÖR-TV nicht geschehen. "Lügenpresse" trifft es nicht, zunehmend setzt sich der Begriff "Lückenpresse" durch.
Lückenhaft insofern, dass einseitig und faktisch schlecht recherchiert berichtet wurde und wird.
Ich habe meine Konsequenzen gezogen. Ich kaufe die überregionalen deutschen Zeitschriften nicht mehr. Ich gehe online und ziehe meinen Nutzen aus qualitativ hochwertigen Lesermeinungen. Außerdem gibt es noch die NZZ und große ausländische Zeitungen. Das Ganze ist sehr schade und traurig.
(30.01.2016 12:08)
Ein Flääschder
Herr Bräuning,
ihr Versuch ist aller Ehren Wert. Sie werden aber bestimmt wissen, dass es zwecklos ist, die festgesetzten Meinungen eines Teils Ihrer Leserschaft vom Gegenteil überzeugen zu können. Leider, kann ich nur sagen.
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