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Prostituiertenschutzgesetz: Schutz oder Scheinheiligkeit?

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Artikel vom 06.10.2015 - 12.29 Uhr

Prostituiertenschutzgesetz: Schutz oder Scheinheiligkeit?

Es schlug wie eine Bombe im Lager von Alice Schwarzer ein. Sie und Organisationen wie Abolition 2014 oder Solidarität mit Frauen in Not hatten sich ja gerade dem totalen Kampf gegen Prostitution durch Strafbarkeit von »Freiern«, »Liebeskäufern«, verschrieben. Und da fordert im August eine nicht minder um Menschenrechte bemühte internationale Organisation, Amnesty International, just das Gegenteil: weltweite Entkriminalisierung von Prostitution. Gestützt auf wissenschaftliche Expertisen und Erfahrungsberichte aus aller Welt.

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Warten auf den nächsten Kunden im Lovemobil: Die Bundesregierung will sich bei einem neuen Gesetz auf die Bekämpfung der Zwangsprostitution beschränken, einige Frauenverbände fordern dagegen eine generelle Kriminalisierung der käuflichen Liebe. (Foto: dpa)
© DPA Deutsche Presseagentur
Keine »Sexarbeiterin«, kein »Sexarbeiter«, kein Kunde, keine Kundin dürften Strafverfolgung ausgesetzt werden, wolle man Betroffenen wirklich helfen. »Amnesty will Zuhälter schützen!« »Amnesty pro Frauenhändler«, empörte sich daraufhin Schwarzers Zeitschrift »Emma«.

Die Kontroverse lädt nochmals emotional eine schon in vielen Ländern und in Deutschland in Gang gekommene gesetzgeberische Auseinandersetzung um ein neues »Prostituiertenschutzgesetz« auf. Man darf allen Akteuren unterstellen, dass es ihnen darum geht, Elendsprostitution und Versklavung von Frauen – vor allem aus Armutsländern – zu bekämpfen, Respekt für die Würde der Frau einzufordern.

Nicht »Bordell Europas«

Nicht mehr gewiss sein kann man sich indes, ob das bei »Emma« auch für die Würde von Männern gelten soll. Was ist mit den Callboys, die Sexdienste für andere Männer oder auch für Frauen leisten? Vor allem aber: Will man tatsächlich Betroffenen helfen? Oder will man das Problem durch Strafrecht nur verdrängen, sogar verschärfen und Frauen (de)moralisierend bevormunden? Soll Prostitution wieder in den kaum kontrollierbaren kriminellen Untergrund abgeschoben werden? Zunächst gilt es, Grundannahmen von »Emma« und Co. mit dem abzugleichen, was über die Wirklichkeit der Prostitution und ihre strafrechtliche Bekämpfung bekannt ist. Keinem Land der Welt, schon gar nicht irgendeinem Strafgesetz ist es gelungen, das »älteste Gewerbe der Welt« aus ebendieser Welt zu bannen.

Verlässliche Daten zum Umfang von Prostitution fehlen. Dass es eine enorme Nachfrage gibt, zeigt sich in einschlägigen Stadtarealen, an entsprechenden Straßen, an der Werbung in Internet und Telekommunikation. Dass Deutschland seit der Liberalisierung dieses Gewerbes 2002 – »Sexarbeit« wird rechtlich nicht mehr als sittenwidrig eingeordnet – zum »Bordell Europas« verkommen sei, dürfte indes drastisch übertrieben sein. Doch ist es wahrscheinlich, dass betuchte Sexkäufer aus Verbotsländern wie den skandinavischen und nunmehr Frankreich verstärkt sexuelle Dienste in Deutschland in Anspruch nehmen. Solche Dienste werden vorwiegend in großen oder kleinen Bordellen, Hotels, privaten Wohnungen, Autos, an über Internet vereinbarten Orten geleistet.

Großteil arbeitet ohne Zwang

Die Kontrolle von Bordellen, entsprechenden Sauna-, Strip- und Massageclubs oder Escort-Services ist mangels behördlichen Personals und wegen rechtlicher Bedenken gegen verdachtslose Polizeidurchsuchung schwach.



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Artikel vom 06.10.2015 - 12.29 Uhr
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