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»Woyzeck« als rockiges Musical in Darmstadt

Artikel vom 05.02.2012 - 17.20 Uhr

»Woyzeck« als rockiges Musical in Darmstadt

Mit lang anhaltendem Applaus feierte Robert Wilsons neu interpretierte Theaterfassung von Georg Büchners Sozialdrama »Woyzeck« Premiere im Staatstheater Darmstadt – pünktlich zum 175. Todestag des Dichters im Februar.

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Die Katastrophe ist geschehen: Woyzeck (Simon Köslich) hält seine ermordete Marie (Maika Troscheit) in den Armen. (Foto: Barbara Aumüller)
»Ein guter Mord, ein echter Mord, ein schöner Mord«, heißt es in der Schlussszene. Der Täter – die »unterst Stuf von menschliche Geschlecht« – der Soldat Franz Woyzeck. Doch war es wirklich Mord, oder vielmehr Totschlag, Kalkül oder Affekt? Bis zuletzt war das Publikum gebannt.

Woyzeck – grandios verkörpert von Simon Köslich – ist rastlos, gehetzt, getrieben von innerer Unruhe. Wie ein gefangenes Tier, eine »Kreatur« rennt er permanent im Kreis, kann sich nicht aus seiner Lage befreien. Geplagt von bitterer Armut, angewiesen auf den geringsten Gelderwerb, ist es ein Leichtes ihn auszubeuten: Hubert Schlemmer als selbstgefälliger Hauptmann belehrt ihn mit nichtssagender Moral, vom Doctor (Uwe Zerwer) wird er als ernährungswissenschaftliches Versuchsobjekt ausgenutzt. Doch drei Monate Erbsendiät führen beim Subjekt Woyzeck zu Wahnvorstellungen und Psychosen. Den einzigen Halt gibt ihm seine Partnerin Marie (abgründig gespielt von Maika Troscheit) – sein »Coney Island Baby«. Sie jedoch lässt sich verführen von falschem Schein und Geschenken, betrügt ihren Geliebten mit dem Tambourmajor (Andreas Manz).

»Woyzeck«, das wohl letzte Stück Büchners, gilt als Wendepunkt in der Literatur: Nie zuvor war ein einfacher Soldat, ein Mensch aus der untersten sozialen Schicht, Hauptfigur eines tragischen Bühnenwerks. In der Inszenierung von Malte Kreutzfeldt machen Wilsons Konzept des Stoffs – uraufgeführt 2000 in Kopenhagen – , die Musik von Tom Waits sowie die (englischen) Texte Kathleen Brennans aus dem büchner’schen Fragment von 1837 ein rockig-melancholisches Musical unserer Zeit. Sie bringen Lieder ein, die Büchners Sprache nicht nur ergänzen, sondern monologisch die Gefühlswelt der Figuren ausdrücken.

Klavier, Banjo oder Akkordeon (musikalische Leitung: Michael Erhard) tragen dabei ebenso zur gewollt grotesk wirkenden Zirkusmanegenatmosphäre bei wie das zwar dezente, doch sehr wirkungsvolle Bühnenbild aus zwei beweglichen geviertelten Rundwänden (Bühne und Kostüme: Nikolaus Porz). Woyzecks psychischer Zustand wird dadurch umso deutlicher: Gefangen wie in einem ausweglosen Käfig, als Kuriosität gemustert, verliert er in seiner Verzweiflung jeglichen Bezug zur Realität. Das Unglück des Erniedrigten wird lediglich zur bizarren Unterhaltung der Dorfbewohner, der Mord »so schön als man ihn nur verlangen kann, wir haben schon lange so kein gehabt.«

Helene Tangel

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Artikel vom 05.02.2012 - 17.20 Uhr
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