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Wiener Staatsoper setzt mit Reimanns »Medea« Uraufführungsmaßstäbe

Artikel vom 03.03.2010 - 20.39 Uhr

Wiener Staatsoper setzt mit Reimanns »Medea« Uraufführungsmaßstäbe

In Wien hat sich das »Theater an der Wien« unter Leitung von Roland Geyer mittlerweile zum kleinen, aber aufgeweckten Konkurrenten der Staatsoper gemausert. Dass die freilich immer noch eines der ersten Häuser der Welt ist, hat sie jetzt bei einem kleinen Uraufführungsduell unter Beweis gestellt und mit Aribert Reimanns »Medea« Uraufführungsmaßstäbe gesetzt.
Stimmlicher Glücksfall: Marlis Petersen als Medea.	(Foto: Wiener Staatsoper, Axel Zeininger)
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Stimmlicher Glücksfall: Marlis Petersen als Medea. (Foto: Wiener Staatsoper, Axel Zeininger)
Im ehrgeizigen Aufsteiger-Opernhaus indes leitet Johannes Kalitzkes neue Oper »Die Besessenen« immerhin einen Zyklus von jährlichen Uraufführungen ein. Christoph Klimke hat den gleichnamigen Kolportageroman von Witold Gombrowicz (1939) zu einem Libretto eingedampft. Dabei steht der Ehrgeiz der jungen Maja im Mittelpunkt, unter allen Umständen zu einem Vermögen zu kommen. Als Komponist geht Kalitzke dabei auf das Amalgam aus konkreter Erbschleicher- und Gruselgeschichte und Philosophieren über Gier und Leidenschaft ziemlich handfest los. Mit einer dramatisch aufgeladenen Klangmelange, die keine Scheu vor dem eklektizistischen Mix und dem Einbruch von Alltagsklängen hat. Als Dirigent am Pult des Klangforums Wien ist er sich dabei selbst ein präziser Anwalt. Dem Ganzen kommt aber die Deutungsambition von Regisseur Kaspar Holten ziemlich in die Quere. Mit der Verlegung in einen Supermarkt bringt er das Thema zwar auf den Waren-Punkt, drängt sich dabei aber so weit in den Vordergrund, dass die Suche nach der erzählten Geschichte zunehmend detektivische Fähigkeiten erfordert.

Von ganz anderem Format ist da Aribert Reimanns in der Staatsoper einhellig gefeierte »Medea«. Natürlich ist es ein bewährter Stoff, den sich der 74-jährige, neben Hans Werner Henze wohl wichtigste lebende deutsche Komponist ausgesucht hat. Wenn Jason Medea anherrscht, sie solle ihren roten Schleier abnehmen und sich wie eine Griechin kleiden und verhalten, dann verweist das von selbst auf die menschliche Kehrseite heutiger Globalisierung.

Aber nicht nur der Franz Grillparzers »Medea«-Version folgende Librettist Reimann, vor allem der Komponist Reimann vertraut auf das Elementare der Geschichte. Dafür findet er seinen authentischen Ton, der vom Reimann-Spezialisten Michael Boder am Pult der Wiener Philharmoniker präzise und opulent interpretiert wird. Und so wird man von einer archaischen Klangatmosphäre in den Bann gezogen, die vor allem auf Stimmen setzt. Auf der orchesterstarken, aber nicht klangmachtbesessener, mitunter betörend streichersatten, dann wieder bläseraufstrahlenden und schlagwerkrumorenden Musik, die auch mal entsetzt ächzen kann, mäandert ein Parlandoton, in dem sich der vokale Exzess der Frauen seiner letzten Oper »Bernarda Albas Haus« in virtuosen Koloraturen und Melismen gebändigt, wiederfindet.

Für Marlis Petersen ist es ein Glücksfall, dass Reimann ihr diese Medea stimmlich maßgeschneidert hat. Um dieses atemberaubende Stimmkraftzentrum herum findet sich von Elisabeth Kulmans Medea-Vertraute Gora über Adrian Eröds Jason, Michael Roiders Kreon bis hin zu Michaela Selingers trällernder Kreusa und dem Counter Max Emanuel Cencic der pure Stimmluxus gepaart mit mustergültiger Wortverständlichkeit.

Am Ende, wenn ihre Konkurrentin Kreusa und ihre beiden Kinder tot sind, liegt der jetzt ausgestoßene Jason verzweifelt in der Steinwüste, die die Atmosphäre von Marco Arturo Marellis Raum bestimmt. Wobei der Regisseur Marelli sich im Grunde darauf beschränkt, wildes Geröll am Boden gegen den oben schwebenden, mit Jalousien versehenen, gläsernen Palastquader oder die folkloristisch bunten Kleider Medeas und Goras gegen das zivilisierte Weiß der Griechen zu setzen. Am Ende geht Medea erhobenen Hauptes von diesem Schlachtfeld. Sie wird das Goldene Vlies zurückbringen und sich dem Richterspruch der Priester stellen. Marellis vorsichtig bebilderte Inszenierung macht neugierig auf andere Deutungen, die dieses Werk sicher bald finden dürfte.

Und Ioan Holender, der seine 19 Wiener Jahre als Staatsoperndirektor nicht gerade mit Großtaten für die Moderne oder gar Neuem geschmückt hat, kann sich zu guter Letzt doch noch eines Uraufführungs-Volltreffers rühmen.

Joachim Lange

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Artikel vom 03.03.2010 - 20.39 Uhr
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