Nachrichten Web
Sie sind hier: Startseite » Nachrichten » Kultur »

Wetzlarer Festspiele starten mit »Faust I«-Inszenierung

Artikel vom 21.06.2010 - 20.35 Uhr

Wetzlarer Festspiele starten mit »Faust I«-Inszenierung

Wetzlarer Festspiele starten mit dreistündiger »Faust I«-Inszenierung in die Saison. Gelungener Auftakt mit Abstrichen in der Besetzung.
Als Luftgitarrist eine Wucht: Der zweite Faust (Lutz Aikele, M.) greift in die imaginären Saiten, während der zweite Mephisto (T
Lupe - Artikelbild vergrössern
Als Luftgitarrist eine Wucht: Der zweite Faust (Lutz Aikele, M.) greift in die imaginären Saiten, während der zweite Mephisto (Till Demuth, r.) seinen Senf dazugibt. (Foto: Bernd Deck)
Als Gustaf Gründgens am 7. Oktober 1963 in Manila starb, war klar: Es kann nie wieder eine Faust-Inszenierung geben. Das Ende der deutschesten aller Tragödien. Seither: nur noch Annäherungen an das Phänomen »Faust«. Nun stand »Der Tragödie erster Teil« ganz oben auf der Agenda der Wetzlarer Festspiele - in einer bitterkalten Rosengärtchen-Szenerie mit nackter Bühne und Domblick. Ein Theatre in the round mit dem Nachteil, dass ein Sechstel der Zuschauer schlecht sah - zum Glück sorgten Technik und Band für eine schmissig gelungene Akustik ohne größere Zwischenfälle, stattdessen gab’s Pyrotechnik und Donnerschlag.

Was sich da unter der Regie von Sewan Latchinian seinen Weg bahnte, lässt sich auf die »Faust«-Formel: Weiber, Hölle, Swing - und ein bisschen Porno reduzieren. Aber dieser Pakt geht auf: die Neue Bühne Senftenberg spielt Faust schaurig, schrill und gut. Das begreift der gemeine Zuschauer allerdings erst nach gut einer Stunde. Das Vorspiel auf dem Theater ist ohnehin gecancelt. Und obwohl der Prolog im Himmel dank der Musiker von »Wallahalla« mehr nach Roger Cicero klingt, bleibt der Herr (Sybille Böversen) trotz Silberanzug im selbstgerechten Mutti-Schema stecken.

Mephisto (Heinz Klevenow) sitzt mit hässlicher Hörner-Zottelkappe da und brummt, keucht, allgemein unsouverän, dass er’s auf »den Doktor« abgesehen habe. Wirklich böse wirkt er nicht, eher unrasiert, kauzig und vertrottelt. Der Anfang verheizt ein Populär-Bild nach dem anderen.

Nachdem Mephisto an »Oskar aus der Tonne« (Sesamstraße) erinnert, sitzt in Block 5 ein massiger Typ im Banker-Anzug, kahlköpfig und irgendwo mit Onkel Fester aus der Addams Family verwandt. Das ist Heinrich Faust (Sewan Latchinian). Der stöhnt nach Bruno Ganz in der Expo-2000-Inszenierung des »Faust« das womöglich längste »Ach« der deutschen Bühnengeschichte und untergräbt die Gelehrtentragödie damit metertief. Dass der an Philosophie, Juristerei und Medizin verzweifelt, nimmt man ihm um des lieben Friedens willen ab, trotzdem bleibt das Gefühl: Das wäre ein Mephisto gewesen. Als er des Nachts den Erdgeist appelliert, meldet sich ein Kinderstimmchen (Amor Latchinian) aus dem Off - jetzt auch noch »Schnappi«.

Der Faust gewinnt erst an Fahrt, als er den Streber Wagner (Benjamin Schaup) abfertigt, als er schon die Giftphiole ansetzt, halb im Wahn, und der Chor plötzlich von allen Seiten die Ostermesse singt. Dann der heiß ersehnte Pudel: Ein Stoffhund wiegt sich in der Bühnen-Klappe zu Muppetshow-Musik - das Stück droht in einer Mischung aus Kitsch und Originalität zu ersaufen. Mephisto und Faust gewinnen an Kontur, nachdem die Wette geboten ist. Es braucht einen Kaugummi schmatzenden Schüler (Bernd Färber), damit Mephisto den Teufel rauslässt. Dieser Teufel ist ein Zuhälter, einer der nur den Deppen spielt, der sein Halunkenpotenzial in Auerbachs Keller voll ausreizt und die Bühne in Brand steckt. Der Weg zur Gretchentragödie ist ein schlüpfriger. Die Hexe singt ihr Einmaleins zu Kasatschok-Musik, während im Hintergrund eine Stripperin tanzt. Nach über einer Stunde zündet das Stück. Die Besetzung wechselt nach der Verjüngung.



Artikel Drucken Drucken  Versenden
Artikel vom 21.06.2010 - 20.35 Uhr
Social Networks
Facebook Twitter studiVZ meinVZ schülerVZ MySpace  Del.icio.us
X Diesen Artikel versenden






* Bitte füllen Sie alle Felder aus.
Kommentar schreiben
Impressum Kontakt AGB Nutzungsbedingungen Datenschutz
TopSeitenanfang