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Vielschichtiges Ideenreich mit furiosen Einfällen

Artikel vom 28.10.2008 - 17.32 Uhr

Vielschichtiges Ideenreich mit furiosen Einfällen

Einmal auf Null gehen! Einmal Neuanfang! Einen ganz persönlichen Urknallmoment zur Begründung einer neuen Geschichte!
Aljoscha Stadelmann (Hagen von Tronje), Wilhelm Eilers (König Gunther)	(Foto: Englert)
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Aljoscha Stadelmann (Hagen von Tronje), Wilhelm Eilers (König Gunther) (Foto: Englert)
Etwa den, kurz bevor sie sich zum ersten Mal küssten: Sie hielt ihre Stirn an seine gedrückt, ihre weißblonden Fransen und seine goldblonden Locken fielen ineinander, und sie sagte: »Ich will nicht, dass der Moment aufhört.« Und er sagte: »Sag jetzt nichts«, und sie zogen den Moment vor ihrem ersten Kuss in die Länge, eine unlautere Glücks- und Vorfreudenverlängerung. »Das ist der Anfang von etwas ganz, ganz Großem.«

Von etwas Großem, etwas Blutigem und Ungeheurem, ja. Aber kein Neuanfang. Schließlich heißen die beiden Liebenden Siegfried und Kriemhild, ihre Liebes- und Familiengeschichte wurde zu Opern, Filmen und Dramen verarbeitet. Der Regisseur Robert Lehniger packt den urdeutschen Stoff bei seinem historischen Ballast und inszeniert in der Schmidtstraße Frankfurt »Nibelungen Remake eines deutschen Trauerspiels nach Friedrich Hebbel mit Texten von Johannes Schrettle«.

Dabei interessiert sich Lehniger ebenso brennend für die Heldensage selbst wie für die Frage, wie diese großen Geschichten sich ins kollektive Gedächtnis fräsen. Er fügt dem Stück eine Metaebene hinzu, die Frage nach Ursprung und Reproduktion, nach Geschichtsschreibung. »Alles hat mal mit einer Kopie begonnen«, räsoniert ein Archivar draußen im Gang, »oder das Original gibt es noch gar nicht.«

»Nibelungen« beginnt als bespielte Hausinstallation, in der das Publikum durch Flure, Treppen und Keller der alten Lagerhalle geführt wird. Auf Umwegen gelangt man wieder auf die Bühne, die mit Regalen labyrinthisch in viele kleine Räume unterteilt ist. Einer spricht über Odin, eine andere über Hände und Augen als Widererkennungsmerkmale des Menschen, eine dritte schreibt immer wieder »Ich darf kein Kreuz machen auf meines Liebsten Gewand« mit Kreide an die Wand. Durch eine Tür stolpert man unversehens in einen Zuschauerraum, dort geht es los, das deutsche Trauerspiel.

Die Metaebene löst sich überraschend flüssig, denn noch während die Geschichte von Gunther und Brunhild, von Siegfried, Kriemhild und Hagen Tronje geschieht, wird sie zur Historie verschrieben. Das Ensemble agiert präzise in diesem fast filmischen und doch so theatralen Bildertanz, Sebastian Schindegger als Siegfried etwa, der den Helden von der komischen Seite nimmt, ohne die Fallhöhe zu reduzieren. Der hinreißend zu 80er-Jahre-Songs den Schwertschlucker spielt und sich maulfaul der eigenen Legendenbildung verweigert, als Gunther und Hagen ihn nach der Sache mit dem Drachen fragen: Die Lieder schreiben ohnehin immer die anderen.



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Artikel vom 28.10.2008 - 17.32 Uhr
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