Nachrichten Web
Sie sind hier: Startseite » Nachrichten » Kultur »

Vergebliche Wiederbelebung: »Medea in Corinto« in München

Artikel vom 08.06.2010 - 19.00 Uhr

Vergebliche Wiederbelebung: »Medea in Corinto« in München

Der in Bayern geborene Johann Simon Mayr (1763-1845) war ein seinerzeit vielproduzierender und -gespielter, ziemlich italienischer deutscher Komponist. Doch seine »Medea in Corinto« aus dem Jahre 1813 wird auch so ein Kraftakt wie jetzt in München nicht wirklich für die Bühne retten.
Amor (Denys Mogylyov) beobachtet die verzweifelte Medea (Nadja Michael) und ihre Kinder.	(Foto: Wilfried Hösl)
Lupe - Artikelbild vergrössern
Amor (Denys Mogylyov) beobachtet die verzweifelte Medea (Nadja Michael) und ihre Kinder. (Foto: Wilfried Hösl)
Bevor die Bayerische Staatsoper in München im Rahmen ihrer Opernfestspiele beginnt, einen Monat lang Abend für Abend mit ihrem Repertoire zu glänzen (und dabei nicht schlecht zu kassieren), gab es als letzte große Premiere im regulären Betrieb eine Ausgrabung. Dabei war weniger der Stoff, als vielmehr dessen Machart das Risiko. Dass die Medea-Geschichte selbst heute noch ein ergiebiger Opernstoff ist, hat Aribert Reimann gerade in Wien mit einem regelrechten Uraufführungscoup bewiesen.

Denn selbst dieser exemplarisch tragische Stoff über die Mutter, die aus Verzweiflung ihre Kinder umbringt, klingt bei ihm vor allem routiniert ausgeführt. Zwar hat er für die Sängerin der Titelpartie etliche dramatische Ausbrüche bereit, doch bleibt die Musik über weite Strecken Meterware, die so durchläuft und auch in der Verzweiflung und den diversen Revolten gegen oder auf Seiten der von Jason verlassenen Medea eher aufgeregt plaudert, als wirklich dramatisch auf den Punkt kommt.

Der grandiose Aufschrei, mit dem Hans Neuenfels und Ivor Bolton die Oper beginnen lassen, ist tatsächlich schon der dramatische Höhepunkt des Ganzen. Bolten legt sich am Pult des Bayerischen Staatsorchester mit seiner ganzen Leidenschaft fürs Historische ins Zeug - mehr als er kann man wahrscheinlich kaum heraus holen. Nadja Michael wirft sich, wie es ihre Art ist, mit vollem Einsatz in die Titelpartie und stellt auch ihre Abweichungen vom Tugendpfad des kultivierten Gesangs ihrem Rollenprofil zur Verfügung. Elena Tsallagova ist ihre Gegenspielerin Creusa, Ramón Vargas ein eher blasser Jason, sein Tenorkollege Alek Shrader als eigentlich mit Creusa verbundener Egeo, der mit Medea ein Zweckbündnis gegen den schrulligen, alten König Creonte (Alastair Miles) und seinen merkwürdigen Staat eingeht. Hans Neuenfels setzt bei seiner szenischen Rettungsanstrengung nämlich auf die Staatsaktion.

Dabei hat diese imperiale Architektur, an der sich Anna Viebrock, ganz im Gegensatz zu ihren sonstigen Raumerfindungen, versucht hat, einen opulenten Erkenntniswert. Es ist ein mehrstöckiges aufgeschnittenes Gebäude. Über einem tiefgaragenartigen Geschoss befindet sich eine Belle Etage mit einem Schreibtisch der Macht und einer Balustrade für effektvolle Auftritte. Die deutschen, schön in Versalien gesetzten Übertitel werden in ein Fassadenelement projiziert. Darüber befindet sich ein kleines Häuschen, mit dem gewöhnlich üppiger Dachschmuck während einer Rekonstruktion umbaut wird. Am Ende, wenn Medea ihren letzten großen Rache-Auftritt hat, entschwebt das Häuschen gen Schnürboden, was niemanden mehr wundert, weil die Welt halt aus den Fugen ist.

Dieses Reich Kreons gibt sich betont zivilisiert, wahrt dabei vor allem die Fassade und hat die mythisch-barbarischen Rückstände seiner Herkunft noch nicht ins Symbolische sublimiert. Hier wird vor stilisiert eleganten Damen und den quer durch die Zeiten uniformierten Männern (Kostüme: Elina Schnizler) zitternden Jungfrauen die Kehle durchgeschnitten oder gefangen gehaltene Neger zur Paarung verdonnert. Hier sieht König Kreon aus wie ein Zeitgenosse Mayrs mit Rigoletto Buckel. Hier ist Creusa klug kalkulierend ihrem Machtkalkül verpflichtet und Jason ziemlich operettig uniformiert. Hier kommt der abgemeldete Ex von Creusa, Egeo, wie Zorro mit drei Don-Giovanni-Klonen, hat aber noch ein modernes Einsatzkommando in der Hinterhand, das im ersten Finale alles niedermetzelt, in der Pause dann aber doch besiegt wird und schließlich am Ende erneut auftaucht. So etwas bleibt auch bei Neuenfels problematisch, legt Schwächen eher bloß, als sie produktiv zu machen.

Im Ganzen umweht dann selbst in der bewährt auf den Subtext zielenden Lesart eines Hans Neuenfels’ dieses Unternehmen der Hauch der Vergeblichkeit. Ausgerechnet dieser risikobereite Regisseur, der schon in Bayreuth am aktuellen »Lohengrin« arbeitet, musste dafür die Buhs einstecken. Fazit: Manchmal hat die Rezeptionsgeschichte mit ihren Platzversweisen eben doch Recht.

Joachim Lange

Artikel Drucken Drucken  Versenden
Artikel vom 08.06.2010 - 19.00 Uhr
Social Networks
Facebook Twitter studiVZ meinVZ schülerVZ MySpace  Del.icio.us
X Diesen Artikel versenden






* Bitte füllen Sie alle Felder aus.
Kommentar schreiben
Impressum Kontakt AGB Nutzungsbedingungen Datenschutz
TopSeitenanfang