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Verdis »Falstaff« in Wiesbaden umjubelt

Artikel vom 26.01.2010 - 19.19 Uhr

Verdis »Falstaff« in Wiesbaden umjubelt

Verdis »Falstaff« feierte in Wiesbaden umjubelte Premiere. Choreograf Christian Spuck überzeugte als Regisseur. Die spannende Neuinszenierung, in der wenig sinniert wird, ist gleichermaßen unterhaltsam und tiefsinnig.
Schauet die Lilie: Kiril Manolov als Falstaff füllt auf dem Weg zum ersten Treffen mit Alice die Bühne in Wiesbaden mit intensiv
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Schauet die Lilie: Kiril Manolov als Falstaff füllt auf dem Weg zum ersten Treffen mit Alice die Bühne in Wiesbaden mit intensivem Spiel. (Foto: Martin Kaufhold)
1893 in Mailand uraufgeführt, fällt Giuseppe Verdis letzte Oper aus dem Schaffensprofil des italienischen Großmeisters der dramatischen und tragischen Stoffe heraus: »Falstaff«, die Komische Oper mit dem kongenialen, sprachlich ausgefeilten Libretto des Komponistenkollegen Arrigo Boito sorgt immer wieder für Sternstunden im Musiktheater. Kaiser Wilhelm II., der sich gern in Wiesbaden aufhielt und dessen altvorderem Geschmack auch der üppig historisierende Baustil des Staatstheaters zu verdanken ist, empörte sich allerdings: Sir John Falstaff, weder schön noch heldenhaft, kultiviert seinen Dickbauch, verhält sich unmoralisch und wird von bürgerlichen Frauen zum Narren gehalten - das konnte dem erzkonservativen Monarchen nicht behagen. Die Rezeptionsgeschichte verlief jedoch positiv, und auch die Neuproduktion am Staatstheater muss man als weiteren Gewinn bezeichnen. Jetzt hatte Verdis Meisterwerk seine zu Recht umjubelte Premiere. Regie, Ausstattung und der musikalischen Seite samt Sängerdarstellern wurde mit ausgiebigem Beifall und begeisterten Zurufen im voll besetzten Großen Haus gedankt.

Christian Spuck, hochdekorierter, international tätiger Choreograf, wendet sich seit einigen Jahren zunehmend auch dem Musiktheater zu. In Wiesbaden stellte er sich mit »Falstaff« erstmals einer großen italienischen Ensemble-Oper und landete zusammen mit der ebenfalls arrivierten englischen Ausstatterin Emma Ryott einen beeindruckenden Einstandstreffer. Locker an Text und Handlung entlanggeführt, glückte ihm eine bühnenwirksame, quirlige Inszenierung.

In der zurückhaltend dunkel gehaltenen Umgebung mit ihren Klappen, Geheimtüren und notwendigsten Requisiten sorgt das Team - auch mit originell charakterisierenden Kostümen - dafür, dass sich einprägsame Bilder entwickeln und dennoch die Bewegung nicht zu kurz kommt. Köstliche Anspielungen (etwa der abgestorbene phallische Ast der Eiche im 3. Akt mit seinem romantischen Naturzauber) sind klug dosiert. Der Aspekt der Commedia lirica (der italienische Begriff passt besser als »Komische Oper«) scheint besonders in diesem Akt durch.

Sir John Falstaff, zu Pagenzeiten einst schlank und rank, will seine Genusssucht noch einmal bei den Frauen ausprobieren und schreibt zwei Damen gleichlautende Liebesbriefe. Die beiden kennen sich jedoch und tauschen sich aus. Das Quartett der »lustigen Weiber von Windsor« (der Librettist benutzte Shakespeares gleichnamige Komödie sowie dessen »Henry IV.«) fädelt eine deftige Vergeltung für Falstaff ein, in deren Verlauf der Fettwanst im Wäschekorb in den Kanal gekippt wird. Aber das ist nicht das Ende des Spiels, in dem noch allerlei Nebenstränge und Entlarvungen vorkommen.

Auch musikalisch ist die Hintergründigkeit präsent. Die Musik lässt in mancherlei Reibungen mit dem Text aufhorchen, zitiert ironisch eigene Werke und wartet mit schönen Details auf. Besondere, avantgardistisch wirkende Farben erreicht sie im Liebessonett von Fenton und Nanetta, den nördlich-romantischen Ton trifft sie im Jagdhornmotiv vor dem Feenakt. Niemals dick aufgetragen, sondern spritzig und leichtgängig präsentiert das Orchester des Staatstheaters ein durchsichtiges Klangbild, und Musikchef Marc Piollet hatte Graben und Bühne in sensibler Übereinstimmung im temperamentvollen Griff. Auch die präzisen Chöre beeindruckten dank Christoph Hilmers sorgfältiger Einstudierung.



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Artikel vom 26.01.2010 - 19.19 Uhr
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