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Schonungslose Grenzerfahrungen

Artikel vom 15.09.2008 - 17.10 Uhr

Schonungslose Grenzerfahrungen

Inspiriert von Dostojewskis Roman »Schuld und Sühne« verfasste der französische Dramatiker Bernard-Marie Koltès seinen »Trunkenen Prozess«, der bereits 1971 in Straßburg uraufgeführt wurde. Jetzt gibt es dazu eine deutschsprachige Fassung und diese erlebte am TiF Kassel ihre Premiere.
Der Polizist (Thomas Sprekelsen, r.) ringt Raskolnikov (Nico Link) ein Geständnis ab	©Ketz
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Der Polizist (Thomas Sprekelsen, r.) ringt Raskolnikov (Nico Link) ein Geständnis ab ©Ketz
Ein Mord. Einfach so. Um sich zum Richter über Leben und Tod emporzuheben. Der Tod war angemessen, denkt Rodion Raskolnikov (Nico Link), der Mörder. Und ist stolz auf seine Tat. Oder doch nicht? Wie er davon spricht, kommt alles durch: Befriedigung, Stolz, Zweifel. Ruhe jedenfalls nicht, dafür sorgen die Geister, die nun in seinem Kopf spuken. Da, wo er lebt, in St. Petersburg, ist ein kahles dunkles Kellerloch seine Wohnstatt. In seiner Heimat, der fernen russischen Provinz, ist Raskolnikov ein Star, ein Held, zu dem Mutter und Schwester bewundernd aufblicken. Aber will er das sein? Es ist eher eine Sinnsuche, auf der sich Raskolnikov befindet. In seinem Kopf spuken all jene Stimmen, die ihn zur Zerrissenheit treiben und seine Erhabenheit über Leben und Tod in Zweifel ziehen lassen.

Shirin Khodadian setzte den Text in Szene und baut über zwei lange Stunden einen gehetzten Rausch auf der Bühne auf.

Oft nur leise lächelnd, grinsend, ist Raskolnikov der Pol, der all die Gestalten ringsherum anzieht, als Geister, die in seinem Kopf ihr Unwesen treiben, als reale Figuren. Eine Geschichte ist das nicht, sondern eher ein Sich-Begegnen verschiedenster Typen, die alle irgendwo einsam und Süchten verfallen sind, sich am Rande gesellschaftlicher Normen bewegen.

Da sind ein Trinker (Jürgen Wink) und seine heruntergekommene Ehefrau (Anke Stedingk). Seine Tochter (Birte Leest), die sich der Prostitution verschrieben hat. Raskolnikovs Mutter (Eva-Maria Keller), die blind vor lauter Liebe ist. Seine Schwester (Alina Rank), die um jeden Preis ihr Glück finden will. Und da ist Rasumichin (Björn Bonn), ein einsamer Passant, der gleichsam den Argumenten der Vernunft seine Stimme leiht. Sie alle haben ihre Begegnungen miteinander, sie ziehen aber Raskolnikov immer weiter ins Geschehen und der fühlt sich verfolgt, versucht die Geister, die er nicht rief, zu vertreiben. Getrieben vom Chaos ringsumher und die Hartnäckigkeit des Polizisten Porfiri (Thomas Sprekelsen) gesteht sich Raskolnikov seine Tat und seine Schuld ein. Mit schonungsloser Eindringlichkeit lässt Regisseurin Khodadian ihre Protagonisten Verführungen nachgehen und Süchte bis zum Ende verfolgen. Zeitlose Grenzerfahrungen, denen sich die Zuschauer im TiF nicht entziehen können. Susann Adam

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Artikel vom 15.09.2008 - 17.10 Uhr
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