Nachrichten Web
Sie sind hier: Startseite » Nachrichten » Kultur »

Schauspiel Frankfurt zeigt »Wilhelm Meisters theatralische Sendung«

Artikel vom 30.08.2010 - 20.19 Uhr

Schauspiel Frankfurt zeigt »Wilhelm Meisters theatralische Sendung«

Goethe-Festwoche: Schauspiel Frankfurt inszeniert das Chorprojekt »Wilhelm Meisters theatralische Sendung«.
Hypnotisch inszenierte Rezitation: Chormitglieder säumen Bettina Hoppe (3. v. r.) in der Rolle des Wilhelm Meister. 	(Foto: Birg
Lupe - Artikelbild vergrössern
Hypnotisch inszenierte Rezitation: Chormitglieder säumen Bettina Hoppe (3. v. r.) in der Rolle des Wilhelm Meister. (Foto: Birgit Hupfeld)
Ein Liebhaberstück oder ein Puzzle für Kulturfexe wäre an sich noch vertretbar gewesen. Aber eine anderthalbstündige, hypnotisch inszenierte Rezitation geht zu weit. Der ambitionierte, zyklische Spielmodus, der von einer Polyphonie von Sprechchor, kryptischen Chorgesängen und deklamierter Schauspielerrede getragen und durch eine nahezu dreidimensionale Lichtregie zur Schreckensvision wird, überlebt sich zu schnell, wird zum Unterton, Hinterton, Schlummerton. Das ist das Fazit des Chorprojekts »Wilhelm Meisters theatralische Sendung« am Schauspiel Frankfurt im Rahmen der Goethe-Festwoche.

Dem Trugschluss, dass eine Collage großer Weltentwürfe von Goethe bis Adam Smith per se großartiges Theater macht, setzt Regisseur Ulrich Rasche im Bockenheimer Depot zumindest einen der beeindruckendsten Spielräume seit Langem entgegen. Die rechteckige Bühne geht in der Halbschrägen hoch in den Raum, knickt im Vordergrund ab, gibt damit die Laufrichtung vor und bietet Platz für das immerhin 50-köpfige Ensemble, das in wohlportionierten Formationen skandierend, singend, oder deklamierend in einer Endloswarteschleife der diagonalen Laufrichtung folgt: Menschen am Fließband des Alltags.

Licht und Farbwahl sind wie Anfang und Ende - mit dem steten Wechsel von Schwarz und Weiß teilt Jan Walther die Bühne in diagonale Laufbahnen, über die Sprechchor, Gesangschor sowie die Hauptdarsteller Bettina Hoppe und Joachim Nimtz den Raum erlaufen, aber nicht erschließen. Dazu müssten sie leben. Diese Figuren sind aber tot. Die Besetzung ist austauschbar. Der Beginn der Tragödie.

Dass er von der Selbstverwirklichung im Theater träumt, wo der Schauspieler als Stimme der Natur den Menschen durch Katharsis und Entertainment Einigkeit beschert, ist die Vision des jungen Wilhelm Meister. Mit diesem Gedanken, den Goethe einst hegte und den Schiller weltberühmt machte, marschiert er allein oder mit vielstimmiger Unterstützung frontal gegen das Publikum an: Wie ein Vogel allsichtig sein, in Freiheit von der besudelnden Arbeit leben, Revolte in Herz und Geist.

Die Kostüme von Bernd Skodzig erwecken den Gedanken an eine Kampfformation. Doch der Sturm und Drang bleibt nur Begriff und klingt nicht in den Worten, die Schauspieler und Sprechchor mit feinster Diktion deklamieren. Eine Persiflage des Wortes »vortragen«, denn ebenso scheint das Gesagte: Getragen, hingesagt, aber nicht gelebt!



Artikel Drucken Drucken  Versenden
Artikel vom 30.08.2010 - 20.19 Uhr
Social Networks
Facebook Twitter studiVZ meinVZ schülerVZ MySpace  Del.icio.us
X Diesen Artikel versenden






* Bitte füllen Sie alle Felder aus.
Kommentar schreiben
Impressum Kontakt AGB Nutzungsbedingungen Datenschutz
TopSeitenanfang