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Lebensrad, Wunderscheibe, Täuschungsseher

Artikel vom 18.12.2008 - 17.24 Uhr

Lebensrad, Wunderscheibe, Täuschungsseher

Auf der Vorderseite einer kleinen Pappscheibe sitzt ein Vogel, auf der Rückseite ist ein Käfig abgebildet, und bei schneller Rotation der Scheibe sitzt der Vogel im Käfig.
Spinning Heads (Drehköpfe), 2005. Bemalte Bronze, Tim (schwarz), Sue (weiß); Tim Noble und Sue Webster, Gagosian Gallery, London
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Spinning Heads (Drehköpfe), 2005. Bemalte Bronze, Tim (schwarz), Sue (weiß); Tim Noble und Sue Webster, Gagosian Gallery, London
Diese Gestaltverschmelzung bildet den faszinierenden Angelpunkt des Thaumatrops, (der »Wunderscheibe«), eines optisches Spielzeugs, das 1825 von dem englischen Arzt John Ayrton Paris erfunden wurde. Und zwar in erster Linie für Erwachsene. Denn auch sie erforschen die Welt spielerisch. Optische Apparate, so genannte philosophische Spielzeuge nutzen die Trägheit der Wahrnehmung und führen zu einer Bewusstwerdung von visuellen. Seinem Spieltrieb kann man derzeit ausgiebig im Museum für Gegenwartskunst in Siegen nachgehen. Die Ausstellung »Blickmaschinen oder wie Bilder entstehen«, die dort bis 10. Mai 2009 gezeigt wird, versammelt Objekte aus der Sammlung Werner Nekes‘ und stellt sie 40 zeitgenössischen Arbeiten von Künstlern gegenüber, die sich ebenfalls mit optischen Experimenten beschäftigen. In raumgreifenden Installationen und Projektionen von Pipilotti Rist und Douglas Gordon, in begehbaren Kaleidoskopen und Wunderkammern, in Schattenbildern und flimmernden Sehgeräte von Thomas Ruff, Sigmar Polke und William Kentridge, in Guckkastenbühnen und Daumenkinogeschichten entstehen bewegte Bilder, die uns lächeln und staunen machen.

Simpel und doch verblüffend scheinen immer wieder Schattenwürfe, ob mit der eignen Hand an die Wand geworfen, oder mit Skulpturen. Die Kopfbüsten des Künstlerpaares Tim Noble und Sue Webster etwa sind einem Zwitter zwischen abstraktem doppelgesichtigem Januskopf und dreidimensionalem Porträtbild nachempfunden. Beide Köpfe erscheinen erst im Schattenwurf in ihren natürlichen Proportionen. Ihre Vorläufer findet die Arbeit in den sogenannten »Jouets séditieux« (aufrührerische Spiele), die um 1700 in Frankreich als Gesellschaftsspiele beliebt waren. Erst im Schattenriss enthüllen die Holzfigürchen ihre verborgene Identität oder Gesinnung: es tauchen die Profile bekannter Persönlichkeiten auf. Zu sehen in Siegen sind die Spielfiguren eines um 1810 in Frankreich entstandenen Schachspiels, bei der sowohl die Bauern als auch die Läufer im Schattenriss Napoleons Porträt zeigen.

Die 1952 geborene Ulrike Grossarth gibt ihrem im Museum eingerichteten Raum den Aufbau einer Camera Obscura. Ausgangspunkt ist die erste veröffentlichte Abbildung einer dunklen Kammer zur Betrachtung einer Sonnenfinsternis von 1584. Die verschattete Sonnenscheibe im Außenraum ist stärker perspektivisch verzerrt als die Projektion im Perspektivkasten des Innenraumes. Als weitere Merkwürdigkeit aus historischen Abbildungen greift die Künstlerin die theatralischen Draperien auf, die das rationale technische Gerät umgeben - sie inszeniert die Lichtstrahlen als Haarsträhnen aus langen Wollfäden zum Anfassen. Dem technischen Fortschritt der Aufzeichnung wird hier eine Bühne bereitet.

Vom statischen Betrachten über das Durchschreiten und berühren leitet die Siegener Ausstellung geschickt zu den bewegten Bildern über, die machmal so schnell an uns vorbeizihen, das sie uns fast schwindlig machen. Wie bei „What will come“ von William Kentridge. Er greift dabei auf die alte bildnerische Technik der Anamorphose zurück. Deren verzerrte Bilder sind nur aus einem bestimmten Blickwinkel oder wie bei der in Siegen ausgestellten Arbeit mit einem spiegelnden Metallzylinder zu entschlüsseln. Gegenstand des 2007 entstandenen 35 mm-Filmes auf DVD ist die Verflechtung von Erinnerung und kultureller Identität, Apartheid, Kolonialismus und Unterdrückung mittels zeichnerischer Animation, Bewegung und Musik

Treffen die zeitgenössischen Künstler Werner Nekes’ Objekte oder treffen diese die Kunst? Eine der zentralen Fragen, die sich die begeisterten Kritiker angesichts der Ende November eröffneten Ausstellung im Museum für Gegenwartskunst in Siegen stellen. Kuratorin Eva Schmidt hatte wohl Ersteres im Sinn, Werner Nekes, der Experimentalfilmemacher und bekannte Sammler von Sehmaschinen Letzteres. Nekes’ Sammlung wird als das Zeugnis einer Archäologie der optischen Medien gefeiert, die zeigt, wie im Laufe von Jahrhunderten eine Wahrnehmung mit Apparaten entwickelt wurde, die bei der Entdeckung des apparativen Charakters der natürlichen Wahrnehmung begann und bei der Produktion von Sehmaschinen wie dem filmischen Apparat vorläufig endet. Es ist eine der größten Sammlungen zur »Geschichte der Bilderzeugung« in Europa, die der Filmregisseur und Medientheoretiker in einem ehemaligen Fabrikgebäude in Mülheim an der Ruhr in über 30 Jahren zusammengetragen hat. Das Wissen um Sehen und Wahrnehmen, Sein und Schein erfährt darin eine enzyklopädische Darstellung: die Camera obscura, deren Prinzip bereits Aristoteles bekannt war. Prismen, Schattenspiele, Kaleidoskope, Riefel- und Lamellenbilder leiten zur Laterna magica über, Guckkästen, Falt- und Auflegebilderbögen, Vexier- und Verwandlungs-, Overlay- und Rätselbilder, stroboskopische Scheiben und Phenakistiskope schlagen den Bogen zu Bewegungs- und Serienphotographien, die der Erfindung des Films unmittelbar vorausgehen.



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Artikel vom 18.12.2008 - 17.24 Uhr
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