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"Jedermann" bei den Schlossfestspielen in Rauischholzhausen

Artikel vom 22.06.2010 - 20.15 Uhr

"Jedermann" bei den Schlossfestspielen in Rauischholzhausen

Die Tragödie von Hugo von Hofmannsthal feiert bei den Schlossfestspielen in Rauischholzhausen Premiere. Überzeugende Inszenierung.
Noch sind sie Freunde und haben gut Lachen: Jedermann (Manfred Gorr, l.) und sein guter Gesell (Torsten Stoll). 	(Foto: olz)
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Noch sind sie Freunde und haben gut Lachen: Jedermann (Manfred Gorr, l.) und sein guter Gesell (Torsten Stoll).
© Hessisches Landestheater Marburg
Die Frage mag so alt sein wie der Mammon selbst, doch gerade in Zeiten der Finanzkrise ist sie natürlich brandaktuell: Verdirbt Geld den Charakter? Folgt man Hugo von Hofmannsthal, dann ist die Antwort eindeutig. Sein »Jedermann« ist dem Reiz des Goldes im gleichnamigen Drama so sehr verfallen, dass ihn die Habsucht bis kurz vor die Pforten der Hölle treibt. Jetzt feierte das Stück, das 1911 veröffentlicht wurde und in der Tradition mittelalterlicher Mysterienspiele steht, bei den Schlossfestspielen des Hessischen Landestheaters Marburg in Rauischholzhausen Premiere.

Am Ende gab es kräftigen Beifall, denn mit seiner Inszenierung ist Peter Radestock nichts weniger gelungen, als die Geschichte um Habgier, Moralverlust und Seelenpein feinfühlig und farbenfroh auf die Bühne zu bringen. Eine beachtliche Leistung bei einem Stück, das von seiner allegorischen Bildhaftigkeit lebt, und bei dem deshalb immer die Gefahr besteht, ins Klischee und Holzschnittartige abzugleiten. Doch Radestock hat diese Klippe nicht nur glänzend umschifft; es ist sein Verdienst, die Segel in Richtung individuelle Seelennot, archetypische Figuren und verschwenderischen Pomp gesetzt zu haben. Das Ergebnis ist ein tiefgründiges, atmosphärisches und zugleich in hohem Maße unterhaltsames künstlerisches Ganzes, das seine Wurzeln im Symbolismus und Psychologismus der Wiener Moderne um 1900 klar zu erkennen gibt, der Hofmannsthal zuzuordnen ist. Es ist zudem ein Stück Seelenzergliederung des kapitalorientierten und zugleich von Gewissensnöten geplagten Bürgertums, dem Schauspieler Manfred Gorr als Jedermann in der Marburger Inszenierung erstklassig seine Stimme leiht.

Mein Haus, mein Geld, mein Land - am Anfang hat dieser Jedermann noch alles, was man sich auf den ersten Blick erträumen mag. Skrupel kennt er nicht, und auch kein Mitleid mit seinen Schuldnern, geschweige denn Wohltätigkeit oder Glauben. Alles, was zählt, ist das Geld. Dass das jedoch zu wenig ist, wird ihm schlagartig bewusst, als Gott den Tod aussendet, um den Reichen zur Rechenschaft in den Himmel zu bestellen. Es bleibt nur eine kurze Frist, um die persönlichen Dinge in Ordnung zu bringen und die Höllenfahrt zu vermeiden.

Und plötzlich ist sie da, die Gewissensangst - von Gorr mit feinem Gespür für das richtige emotionale Maß großartig in Szene gesetzt. Freunde und Wegbegleiter wie der gute Gesell (Torsten Stoll glänzt als schmieriger Handlanger) oder die Buhlschaft (Franziska Knetsch überzeugt als oberflächliche Geliebte des reichen Bürgers) wenden sich ab. Eben hat man noch pompös gefeiert, doch jetzt sieht Jedermann sich in stimmungsvollen, unheimlichen Szenen allein mit archetypischen Figuren wie dem Mammon, seinen Werken oder dem Glauben konfrontiert - und in letzter Minute schwört er ab, um zu Gott zurückzukehren. Der Teufel, den Peter Meyer mit viel Ironie und Witz als nihilistischen Lebemann karikiert, kommt vergebens.

Doch was ist der Clou von Radestocks Inszenierung? Ganz klar: Es ist dem Ensemble gelungen, ein aufwendig kostümiertes und üppig ausgestattetes Stück - inklusive pyrotechnischer Effekte - auf die Bühne zu bringen. Gleichzeitig sind alle diese Elemente wie auch das Bühnenbild mit vier mannshohen Marionetten fein mit dem zentralen und erstklassig herausgearbeiteten Handlungsfaden verwoben, indem sie sich als Mosaiksteinchen des Irrwegs des Bürgers Jedermann zu erkennen geben. Ein rundum gelungenes Theatererlebnis mit einer klaren Botschaft: Geld macht nicht glücklich. Stephan Scholz

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Artikel vom 22.06.2010 - 20.15 Uhr
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