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Husarenritt durch alle Genres

Artikel vom 14.09.2008 - 19.36 Uhr

Husarenritt durch alle Genres

Manege frei für nackte Tatsachen, Vorurteile, Sensationen. »Furcht und Zittern«, die vierte Produktion der Ruhrtriennale, besticht als circensisch angehauchtes Virtuosenstück brillanter Theaterkunst.
Der Schauspieler Jochen Noch als Manfred Horni und Kindersolisten des Staatstheaters am Gärtnerplatz in einer Szene in »Furcht u
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Der Schauspieler Jochen Noch als Manfred Horni und Kindersolisten des Staatstheaters am Gärtnerplatz in einer Szene in »Furcht und Zittern« (dpa-Foto)
Das Salzlager der Kokerei Zollverein vibriert geradezu angesichts der schon furchteinflößenden Vitalität der erstklassigen Schauspieltruppe aus den Münchner Kammerspielen. Es zahlt sich aus, dass der Dramatiker Händl Klaus, der Musiker Lars Wittershagen und Regisseur Sebastian Nübling schon manche gemeinsame Schlacht geschlagen haben. Ein bis ins kleinste Detail derart perfekt abspulender Husarenritt durch alle Genres der Bühnenkunst setzt ein eingespieltes Team voraus.

Händl Klaus bezeichnet das 80-minütige Werk als »Singspiel«. Eine zutreffende Bezeichnung, auch wenn gar nicht so viel gesungen wird und die Saxophone ein paar Mal als Ersatzgewehre herhalten müssen. Doch die stark rhythmisierte Sprache des Librettos schweißt die Truppe schnell zu einem hellwach aufeinander reagierenden Ensemble zusammen und verleiht dem Text einen grundmusikalischen Anstrich. Tempo und Dynamik des Texts bestimmen im Wesentlichen den Ablauf des Stücks. Wenn das nicht ausreicht, setzt die Musik von Lars Wittershagen ein. Raffiniert kindlich gefärbte Klänge, die in der bunt zusammengewürfelten Besetzung mit Akkordeon, Trompete, Saxophonen und Streichern von einem imaginären Volksfest herüberzuwehen scheinen.

Die berstende Vitalität, das atemberaubende Tempo der Aufführung scheinen dem ernsten Thema des Stücks im Wege zu stehen. Allerdings nur auf den ersten Blick. Der Musiklehrer Manfred Horni zieht sich mit seiner Frau nach Verbüßung einer zweijährigen Haft wegen angeblichen Kindesmissbrauchs in ein Haus am giftverseuchten Stadtrand zurück. Sein unauffälliges Leben wird unterbrochen durch die polizeiliche Anweisung, sein Haus verlassen zu müssen, da auf dem gegenüberliegenden Grundstück ein Kinderheim gebaut werden soll. Soweit die Handlung.

Das Thema Pädophilie wird dabei nur am Rande berührt. Was tatsächlich geschehen ist, ob und welche Gefahr von Herrn Horni ausgehen könnte, bleibt offen. Im Mittelpunkt steht der doppelzüngige, heuchlerische Umgang der Öffentlichkeit mit einem Menschen, der total bloß gestellt wird, um sich über dessen Nacktheit zu entrüsten und gleichzeitig mit aufdringlichem Medienterror daran aufzugeilen. Da reagieren aus dem Kasperletheater entsprungene Polizisten ebenso hysterisch auf die Blöße ihres Opfers wie die kinderhassende, offensichtlich von einer Raubtierdressur kommende Erzieherin des neuen Kinderheims, ohne nur die geringste Chance auszulassen, jedes Detail von Hornis Gemächte mit den Augen aufzusaugen. Dass das Grundstück verseucht ist, dass der aus dem Haus verstoßene Horni nun direkt dem Blickfang der Kinder ausgesetzt, stört nicht, sondern nährt nur die Sensationsgier.

Sebastian Nübling zieht alle Register des Volks- und Puppentheaters, der Zirkus-Revue und des absurden Theaters. Zwei beflügelte Straßenkehrer mit charakteristischer Melone lassen von Beckett grüßen. Und die akrobatisch gewandte Pädagogin erinnert an die »Kinder des Olymp«. Kinder in schwarzen Anzügen, die Altkluges und vor allem Klügeres als die Erwachsenen absondern, scheinen die Welt auf den Kopf zu stellen.



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