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Ein Mann will nach oben

Artikel vom 15.11.2009 - 19.29 Uhr

Ein Mann will nach oben

»Baumeister Solness«, 1892 in London uraufgeführt, gehört zu den seltener gespielten Stücken von Ibsen. Die Gießener Inszenierung, die bei der Premiere am Samstag mit viel Beifall bedacht wurde, hat nachhaltig bewiesen, wie aktuell und ansprechend dieser Stoff heute noch sein kann.
Aline Solness (Carolin Weber) sucht Trost bei Doktor Herdal (Roman Kurtz).
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Aline Solness (Carolin Weber) sucht Trost bei Doktor Herdal (Roman Kurtz).
In Dubai steht das höchste Gebäude der Welt kurz vor seiner Vollendung: ein Wolkenkratzer, der sage und schreibe 818 Meter in den Himmel ragt. Auch Baumeister Solness will hoch hinaus: Vor zehn Jahren hat er einen Kirchturm auf dem Lande konstruiert und es sich nicht nehmen lassen, höchstpersönlich den Richtkranz auf die Turmspitze zu setzen - obwohl er eigentlich nicht schwindelfrei ist. Seitdem ist er ein gemachter Mann, baut in der Stadt viele Wohnhäuser für Familien - gern auch mit einem Turm auf dem Dach, der steil nach oben zeigt.

Henrik Ibsen, der große norwegische Dichter, der es wie kein anderer versteht, das komplizierte Geflecht der Familienbande und ihre vorgeschobenen Lebenslügen offenzulegen, konfrontiert seinen Baumeister nun mit einer Botin aus der längst verdrängten Vergangenheit. Mitten in einer Lebenskrise, in der Solness um seine Position als gefragter Architekt fürchtet und Angst vor dem Talent der Jugend hat, steht die kesse Hilde Wangel plötzlich in seiner Tür und fordert ihr Königreich ein, das ihr Solness in seiner Euphorie vor zehn Jahren als junges Mädchen beim Kirchturmbau versprochen hatte.

Es ist eine der optisch schönsten Szenen in der überaus stimmigen Inszenierung von Wolfram J. Starczewski, als sich die Lamellen des strahlend weißen gotischen Gewölbes öffnen und in kräftigem blauen Licht ebendiese Hilde in ihrer knallgelben Jacke mit schwarzen Strümpfen und robusten Bergschuhen erscheint. Nicht zum ersten Mal beweist Ausstatter Lukas Noll, wie effektvoll sich mit wenigen Mitteln ein Raum gestalten lässt, der in diesem Fall als schickes Architekturbüro mit fünf Zeichentischen ebenso fungiert wie als Veranda mit fünf Pflanzen.

Starczewski, der die gefällige Übersetzung von Peter Zadek und Gottfried Greiffenhagen verwendet, hat mit seinem siebenköpfigen Ensemble eine Aufführung erarbeitet, die man im besten Sinne des Wortes als pures Schauspielertheater bezeichnen kann. Keine Mätzchen, keine unnötigen Regiegags stören den angenehmen Erzählfluss des Geschehens, der stets den richtigen Rhythmus bis zum dramatischen Höhepunkt findet. Dabei lässt der Regisseur allen Figuren viel Raum zur Entfaltung ihrer Charaktere.

Christian Fries legt in jeder Geste überzeugend die Zerrissenheit dieses Mannes in der Midlife-Crises offen. Einerseits gebärdet sich sein Solness als arroganter Karrierist, der die Menschen (insbesondere die Frauen) benutzt, wie es ihm gerade zu seinem eigenen Vorteil in den Sinn kommt. Andererseits fühlt er durchaus eine Schuld gegenüber seiner Frau, da sie durch ein schreckliches Unglück ihre Kinder verloren haben. Er hat Angst vor dem Versagen des Alters, der nassforschen Art der Jugend, die ihr Recht fordert. Und so lässt er sich zu gern noch einmal von dieser unverschämt jungen Hilde auf eine Reise zu den Luftschlössern mitnehmen. Zum Schluss kommt es, wie es kommen muss: Der Absturz endet tödlich.



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