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Drastisches Volkstheater in Zirkusmanier

Artikel vom 18.05.2009 - 20.38 Uhr

Drastisches Volkstheater in Zirkusmanier

Das erfolgreiche Anti-Musical »The Black Rider« wird derzeit auf mehreren deutschen Bühnen inszeniert, nachdem es zehn Jahre lang nicht zur Aufführung kam, weil die Rechte wegen einer Welttournee gesperrt waren. Was Ende März 1990 in Hamburg zur Uraufführung kam, ist nun am Staatstheater Darmstadt zu erleben. Im Ursprung war es eine Auftragsarbeit des Hamburger Thalia-Theaters an ein US-amerikanisches Dream-Team der antibürgerlichen Bühnenkultur: den Rockmusiker Tom Waits (geb.1949), den Schriftsteller der Beatgeneration, William S. Burroughs (1914-1997), und den Regisseur und Bühnenbildner Robert Wilson, dem vor vier Wochen in Gießen der Hein-Heckroth-Bühnenbildpreis verliehen wurde.
Albtraumhafte Lichtschwertszenerie: Diana Wolf (Käthchen) jagt auf dem Rücken eines Pferdes durch die Nacht.	(Foto: Barbara Aumü
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Albtraumhafte Lichtschwertszenerie: Diana Wolf (Käthchen) jagt auf dem Rücken eines Pferdes durch die Nacht. (Foto: Barbara Aumüller)
Die Aufgabe des Trios bestand darin, den zur »deutschen Nationaloper« avancierten »Freischütz« (1821) des Carl Maria von Weber in eine zeitgemäße Form zu überführen. Doch diese Form hat nach 20 Jahren auch schon wieder Patina angesetzt. Und selbst wenn Robert Wilson im Untertitel immer genannt ist, so dürfen Wilson-Fans doch nicht hoffen, dessen Inszenierungsweise wiederzufinden. Während dieser auf Reduktion setzt und Stilisierung bis in den Sprach- und Bewegungsduktus durchhält, macht der polnische Gastregisseur Andrej Woron in Darmstadt ziemlich genau das Gegenteil. Er verengt den Aktionsraum auf eine nach hinten zulaufende Kastenbühne, er setzt auf drastisches Volkstheater, auf burleske Zirkusstimmung, die zum Teil in der Musik angelegt ist (Russian Dance), und ein Kaleidoskop der Symboliken. Die bestimmende Atmosphäre ist die des Tragischen bis zum Albtraumhaften, amüsante Momente bietet vor allem der auf deutsch-englisch gereimte Text.

Grandios die Leistung des Ensembles. Die Musik wird in originaler Instrumentierung gespielt, unter der Leitung von Michael Erhard, der selbst an Akkordeon und der singenden Säge aktiv ist. Das Darmstädter Theater punktet mit Schauspielern, die exzellente Stimmen haben. Allen voran Hubert Schlemmer als Stelzfuß (Pegleg), zugleich als Conférencier fungierend, der dem Schreiber Wilhelm seine Zauberkugeln (Magic Bullets) anbietet. Der in Jagddingen Unbedarfte geht auf den letztlich faustischen Pakt ein, ohne sich dessen Tragweite bewusst zu sein. Will er doch nur seine Angebetete ehelichen, und das geht bei einer Försterstochter nur, so will es die Sage, wenn der Heiratskandidat gut schießen kann.

Stefan Schuster setzt die Wandlung vom linkischen Brillen- und Schlipsträger zum im Blutrausch Taumelnden glaubhaft in Szene. Käthchen ist zwar verliebt, doch von Anbeginn an von bösen Ahnungen getrieben; aus der zupackenden jungen Frau wird eine somnambul Getriebene, von Diana Wolf fragil und mit großer Bühnenpräsenz gegeben. Eine großartige darstellerische Leistung bietet Tom Wild (in drei Rollen) mit beeindruckendem Körpereinsatz und herzergreifendem (Klage-)Gesang. Die Rolle der komischen Alten (Mutter Anna) gibt Maika Troscheit mit unglaublicher Konsequenz, immer unterwürfig ihrem Gatten gegenüber, dem standesbewussten Förster Bertram (Gerd K. Wölfle), der tollpatschig im Alltag doch anregend über die Welt philosophiert.

Zu den Brüchen in »Black Rider«, das schließlich vor 20 Jahren gegen die heile Welt der erfolgreichen Webber-Musicals polemisierte, gehört die Gesprächsszene zwischen dem Alter Ego des Autors William Burroughs (als Junkie, der er tatsächlich war), mit seinem berühmten Kollegen Hemingway und einem Buchverleger; alle in einer Person dargestellt von Klaus Ziemann in einer Maskerade zwischen antikem Säulenheiligen und wildem Rotschopf.

Und die Moral von der Geschicht’: Pakte mit dem Teufel sind beinahe so alltäglich wie die Verführungen, die uns allenthalben umgeben. Achtsamkeit ist geboten. Dagmar Klein

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Artikel vom 18.05.2009 - 20.38 Uhr
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