Nachrichten Web
Sie sind hier: Startseite » Nachrichten » Kultur »

Dem Blick des Publikums voll ausgesetzt

Artikel vom 03.11.2009 - 17.48 Uhr

Dem Blick des Publikums voll ausgesetzt

Oliver Reese inszenierte den Roman »Lolita« in der Spielzeit 2002/03 am Deutschen Theater Berlin bereits als Monolog, nun hat er als neuer Intendant des Schauspiels Frankfurt die Inszenierung aus Berlin mitgebracht.
Ingo Hülsmann (als Humbert Humbert). 	(Foto: Foullois)
Lupe - Artikelbild vergrössern
Ingo Hülsmann (als Humbert Humbert). (Foto: Foullois)
Die Welt ist ein Kühlschrank. In ihm: Ein plärrender Lautsprecher, das Foto seiner ersten Frau, ein Kalender mit Naturmotiv, ein angebissener Apfel und zahlreiche Milchflaschen. Zum Schluss wird Ingo Hülsmann zwei davon schwer platschend auskippen, dass die Milch über den Bühnenboden rinnt wie all die verlorene Unschuld. Denn Hülsmann spielt in einem furiosen Monolog Humbert Humbert, jenen monströsen Liebenden, den Vladimir Nabokov in seinem Skandalroman »Lolita« erschuf.

Auf einer fast nackten Bühne ist Humbert Humbert dem Blick des Publikums vollkommen ausgesetzt, der junge Mädchen begehrt, die titelgebende Lolita nach dem Tod ihrer Mutter entführt und in einem gewalttätigen Trip 43 000 Kilometer durch die USA treibt.

Die Herausgeberfiktion des Romans hat Reese durch eine Prozessfiktion ersetzt, Hülsmann spricht das Publikum immer wieder als »Meine Damen und Herren Geschworene« an, vor denen er seinen Fall schildert. Hülsmann spielt den Gewalttäter, der sich als Liebender maskiert, als eloquenten Irren. Humbert Humbert erscheint hier als Monstrum der Selbsthingabe, ein brutaler Fantasieclown, der die Entführung und Vergewaltigung Lolitas vor sich selbst mit fantastischen Gedankenpurzelbäumen rechtfertigt. Ist der Humbert Humbert in Nabokovs Roman eine fast unerträglich ambivalente Gestalt, die als zärtlicher, peinlich genau beobachtender Liebender agiert, aufmerksam jede Eigenart des Mädchens registriert und sehnsuchts- wie schmerzvoll Berührungsmomente inszeniert und zugleich ein wortgewandter Brutalo, der sich in vollem Bewusstsein seines Unrechts weiter hineinreitet, so ist Ingo Hülsmanns Humbert Humbert da schon eindeutiger gestrickt. Und somit auch erträglicher, denn als Monstrum, als »Zar Humbert der Schreckliche«, ist er kein Allerweltsmensch, sondern eben ein Perverser, der weggesperrt gehört.

Er ist ein Rasender, der unter innerem Hochdruck Wortkaskaden herauspresst, sich samtmäulig der Süffisanz hingibt und unter gequältem Gestöhne und Geseufze glückliche Gedanken in sein Erinnerungsbecherchen schnippt. Jenes Urmädchen Annabel, das er als Junge liebte und das verstarb, wird unter den Tisch fallen gelassen. Stattdessen kehrt Hülsmann sofort das Monster heraus, schildert glutäugig die Mädchen als Dämonen, die ihm mit blitzenden Augen und nassen Lippen Atemlosigkeit bescheren. Ein gellendes Erzählfuriosum mit sichtlicher Lust am schauspielerischen Durchgehen, eines Mannes, der sich voller Begierde auf den Kühlschrank wirft und die Beine wie Karlsson vom Dach gen Himmel streckt, der viele Fassungslosigkeitsgesichter besitzt, sich, als er die Nacht der ersten Vergewaltigung im Motel »Die verzauberten Jäger« schildert, quer auf einen Stuhl legt, die Arme ausgebreitet, flüsternd, als sei ihm die Erfüllung seines Traumes noch immer unheimlich.

So wird aus dem komplexen Roman mit seinen zahlreichen Wendungen eine irre Verteidigungsrede, in der Momente des Märchens aufblitzen, das Humbert Humbert sich selbst erzählt, ohne so recht dran glauben zu können. Sein selbstgestricktes Roadmovie-Wunderland ist schäbiger als erwartet. Humbert Humbert rast sehenden Auges in diese zerstörerische Liebe hinein, die doch nur Selbstliebe ist, bis er aus dem selbstgesponnenen Netz aus Gewalt und Lüge nicht mehr herauskommt. Was bleibt, ist Ingo Hülsmann, der in einem aufflackernden Moment im Sprühregen steht wie ein stolz begossener Pudel. Esther Boldt

Artikel Drucken Drucken  Versenden
Artikel vom 03.11.2009 - 17.48 Uhr
Social Networks
Facebook Twitter studiVZ meinVZ schülerVZ MySpace  Del.icio.us
X Diesen Artikel versenden






* Bitte füllen Sie alle Felder aus.
Kommentar schreiben
Impressum Kontakt AGB Nutzungsbedingungen Datenschutz
TopSeitenanfang