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»Daphne« als Flugblätter werfende Sophie Scholl

Artikel vom 03.10.2010 - 20.01 Uhr

»Daphne« als Flugblätter werfende Sophie Scholl

So viele Möglichkeiten gibt es nicht, um an der Semperoper in Dresden eine neue Spielzeit und Intendanz gleichzeitig angemessen einzuleiten. Die von der Bayerischen Staatsoper kommende Intendantin Ulrike Hessler (55) entschied sich für den Hausgott Richard Strauss.
Daphne (Camilla Nylund, Mitte) beklagt den Tod ihres ermordeten  Freundes Leukippos.	(dpa-Foto)
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Daphne (Camilla Nylund, Mitte) beklagt den Tod ihres ermordeten Freundes Leukippos. (dpa-Foto)
Und das mit Gründen, die in der Tradition und den besonderen Fähigkeiten dieses Hauses liegen. Wenn man es klug anstellt, dann kann nämlich die Pflege und Neubefragung seiner Opern, zumal mit einem Dirigenten wie dem designierten Generalmusikdirektor Christian Thielemann, als Alleinstellungsmerkmal für die Schubkraft sorgen, die die Semperoper wieder auf den Platz in der europäischen Opernlandschaft zurückführt, den das Haus in den Jahren hatte, als es der bevorzugte Ort für die Uraufführungen der Opern von Richard Strauss war.

Auch seine bukolische Tragödie »Daphne« gehört in diese illustre Reihe. Das im Programmheft abgedruckte Plakat zu der Uraufführung am 15. Oktober 1938 kündigte neben der Uraufführung am gleichen Abend die erste Dresdner Vorstellung von Strauss’ »Friedenstag« an. Eine solche Koppelung der beiden Einakter zu wiederholen, dafür reicht heutzutage die Kraft dann doch nicht mehr. Obwohl man in Dresden sogar eine Konwitschny-Inszenierung dieses noch seltener als »Daphne« gespielten Werkes verfügt.

Mehr noch als bei anderen Opern von Strauss, »denken« seine »Daphne«-Musik und das dem Zeitgeist ausweichende bukolische Sujet die Entstehungszeit mit. Jedenfalls bedarf es, von heute aus betrachtet, bei der Geschichte des Mädchens, das einem Gott begegnet und als Baum endet, einer Spurensuche nach diesem subtilen Ausweichen des zeitweiligen Präsidenten der Reichsmusikkammer vor den Forderungen des Regimes. Verlangt zumindest nach einer Position der Regie. Wenn man nicht wie Claus Guth in seiner grandiosen Deutung in Frankfurt auf eine Ebene psychologisierender Erinnerungsarbeit ausweicht.

Torsten Fischer und sein Team (Herbert Schäfer Bühne, Andreas Janczyk Kostüme) inszenieren jetzt in Dresden aber gleich und vor allem die Entstehungszeit. In der karg opulenten Ästhetik spielen der Eiserne Vorhang, die leere Bühne, die dann dominierende, monumentale Freitreppe, die aufgehende Sonne und der sich absenkende Riesenspiegel als bedeutungsschwangere Metaphern eine Hauptrolle. Das erlaubt ein grandioses Spiegel-Schlussbild. Da belebt sich jener stilisierte Friedhof, den Apollos Schwarzuniformierte vorher nach und nach mit vorgehaltenen Waffen durch Selektion mit Menschen bestückt hatten. Wenn sich Daphne am Ende in einen Baum verwandelt, dann legt sie sich zu den brutal ermordeten, neben ihren Freund Leukippos und alle bewegen ihre Arme, als würde der Wind durch die Blätter einer Baumkrone rauschen. Doch, dass Daphne als eine Flugblätter werfende Sophie Scholl eingeführt und Apollo zu einer faschistoiden (Ver-)Führerfigur, samt militanter Hilfstruppe, aufgerüstet werden, überdehnt die Möglichkeiten der legitimen Spurensuche zugunsten des äußerlichen Effektes zu sehr.

Aber, sei’s drum - die Staatskapelle war natürlich ganz und gar als Richard-Strauss-Orchester par excellence bei sich. Diesmal profitierte der junge israelische Dirigent Omer Meir Wellber von der Lücke, die Fabio Luisi durch seinen abrupten Abgang hinterlassen hat. Und er nutzte seine Chance, mit der »Wunderharfe« einen quasi authentischen Strauss-Klang blühen zu lassen! Bei den Sängern waren leider nur die kleineren Rollen wirklich glänzend besetzt: Wie natürlich Georg Zeppenfeld (als Peneios) und Christa Mayer (Gaea). Ladislav Elgr als fulminanter Leukippos war sogar eine echte Tenor-Entdeckung!

Camilla Nylund bewältigte die riesige Daphne-Partie immerhin achtbar, während Robert Dean Smith mit seinem Apollo überfordert wirkte. Dass der Chor in Höchstform mitwirkte, das versteht sich von selbst. Viel Beifall, auch für die Inszenierung, die streckenweise wie eine matte Günter-Krämer-Kopie aussah. Joachim Lange

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Artikel vom 03.10.2010 - 20.01 Uhr
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