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Brandauer entwickelt sich zum Parade-Komiker

Artikel vom 14.09.2008 - 19.36 Uhr

Brandauer entwickelt sich zum Parade-Komiker

Es dämmert noch, Hühner wuseln durcheinander, Mägde scheuchen das Federvieh aus der dörflichen Stube. Es sind kaum zehn Minuten vergangen, da machen sich schon gute Laune und eine leichte Erheiterung breit. Dieser Abend wird eine Wucht, das ahnt man, das versprechen schon die starke Atmosphäre, milieugerechte Bühnenbilder und Kostüme, die eine reine Augenweide sind.
Marthe Rull (gespielt von Tina Engel) lamentiert vor dem Dorfrichter Adam (Klaus Maria Brandauer, r.) und dem Dorfschreiber Lich
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Marthe Rull (gespielt von Tina Engel) lamentiert vor dem Dorfrichter Adam (Klaus Maria Brandauer, r.) und dem Dorfschreiber Licht (Michael Rotschopf) über einen zerbrochenen Krug (dpa)
Dem Berliner Ensemble gelingt ein sensationeller Spielzeitauftakt. Altmeister Peter Stein inszeniert Kleists »Zerbrochenen Krug« als ein Lustspiel par excellence.

Es ist ein großer Glücksfall für Berlin, dass Claus Peymann die Zusammenarbeit mit Stein fortsetzt, die im vergangenen Jahr so erfolgreich mit Schillers »Wallenstein«-Trilogie begonnen hatte. Was die großen Klassiker angeht, da ist und bleibt der einstige Schaubühnen-Prinzipal nun mal ein unangefochtenes, einsames Ass auf weiter Flur. Und das gilt - wie sich nun zeigt- für das Genre des Lustspiels, das Stein bislang vernachlässigte, ebenso wie für die wuchtigen Marathon- Tragödien, mit denen er Maßstäbe setzte.

An erstklassigen Mitstreitern mangelt es nicht: Klaus Maria Brandauer, der auf seine alten Tage sein komödiantisches Talent entdeckt, ist eine Klasse für sich. Man könnte sogar zu dem Schluss kommen, die tragende Partie des feisten, ungeschlachten Dorfrichters Adam - der sich selbst als Mädchenverführer und Zertrümmerer des Kruges zu entlarven hat, stets auf seine Chance lauernd, durch immer neue Finten, Ausreden und fantastische Geschichten dem drohenden Sturz zu entkommen -, sei die Partie seines Lebens. Der große Spaß am Verschmitzten, Schalkhaften, Derbem und Lächerlichem, er steht ihm geradezu ins Gesicht geschrieben. Allein seine markante Art, sich humpelnd und ungelenk zu bewegen, und sein ungeheurer Mut zur lächerlichen Selbstdarstellung nötigen Respekt ab.

Brandauer zieht alle Register, schnoddrig, dreist und schlitzäugig, und das noch - zum Mittagsmahle - mit vollem Mund bei exquisiter Textverständlichkeit. Und wenn er angesichts neuer Beweislast vollends dümmlich aus der Wäsche glotzt, bevor ihm eine neue unglaubwürdige Ausrede einfällt, dann denkt man unwillkürlich an einen Parade-Komiker wie Heinz Rühmann.

Auch alle übrigen Figuren hat Stein ideal besetzt. Tina Engel, die zuletzt vor 26 Jahren zu Steins legendärem Ensemble der Berliner Schaubühne zählte, ist die resolute, energische Marthe Rull wie auf den Leib geschrieben, die sich als Klägerin allzu ausschweifend in unwichtigen Details verliert und damit allen auf die Nerven geht.

Ein Kabinettstückchen für sich auch der späte Auftritt von Ilse Ritter, die süffisant als jene Frau Brigitte ihre Schadenfreude auskostet, die schließlich die Wahrheit ans Licht bringt.



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Artikel vom 14.09.2008 - 19.36 Uhr
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