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Blasses Liebespaar: »Romeo und Julia« in Frankfurt

Artikel vom 06.06.2010 - 19.33 Uhr

Blasses Liebespaar: »Romeo und Julia« in Frankfurt

Selbst wer kein Italienkenner ist, wird sagen: Das ist nicht das altehrwürdige Verona, das ist ein Bretterverschlag, der an einen schäbigen Großstadthinterhof oder die Bronx erinnert. Artgerecht halten sich dort auch drei schräge Typen auf, die mehr oder minder musikalisch zotige Lieder zu Gitarrengezupfe zum Besten geben. Einer davon ist Romeo (Mathis Reinhardt), aber das soll keiner wissen.
Immerhin Titelheld einer der bekanntesten Tragödien William Shakespeares bleibt er unter der Regie von Bettina Bruinier in den Kammerspielen des Frankfurter Schauspiels ein grüner Junge in Lederjacke, der, selbst nachdem er Tybalt, den Vetter seiner Holden, erstochen hat, noch dasteht wie Pik Sieben. Ihm zur Seite treiben Mercutio (Marc Oliver Schulze) und Benvolio (Torben Kessler) ihr Unwesen, die sich mit Vogelnamen prächtig auskennen und sogar vor Julias Amme (Esther Hausmann) nicht Halt machen. Zwei Randfiguren, die für ihre Rollen unverhältnismäßig viel Profil entwickeln.

Bereits die Anfangskonstellation enthüllt eine der Hauptschwächen der Inszenierung: die starke Besetzung der Nebenrollen. Nach Mercutio sind das vor allem Julias Vater, der alte Capulet (Till Weinheimer), Tybalt (Viktor Tremmel), ebenfalls ein Capulet, die Amme und Lady Capulet (Heidi Ecks). Zusammen mit Bruder Lorenzo (Felix von Manteuffel) verlagern sie die Hauptakzente der Handlung auf ihre Seiten. Ihr Spiel ist teils selbstironisch, teils brechend ernst. Sie entwickeln insgesamt mehr Spielfreude, mehr Temperament und Mitleid als Romeo und Julia Liebe und Gram. Der tragische Kern des Stücks - die von äußerlichen Zwängen schikanierte Liebe zwischen den Kindern zweier verfeindeter Familien - bleibt genauso alt und unerfrischend, wie er in den Jahrhunderten seiner Re-Inszenierung geworden ist.

Obwohl Julia (Sandra Gerling) beim ersten Auftritt mit einer Elektro-Tiara zumindest optisch glänzt, bleibt sie ansonsten hinter ihrem Potential zurück. Sie spielt engagiert, aber nicht leidenschaftlich, wirkt in Top und Caprihose nicht wie eine Capulet sondern ein beliebiger Teenager, ihre Sprache ist nasal, jammernd. Selbst wenn dies eine Strategie der indirekten Figurencharakterisierung ist, ergibt sich dadurch kein Zugewinn, wird dadurch keine tiefere Ebene in ihrer Persönlichkeit geöffnet. Sie bleibt ein verzogener Teenager, der nicht heiraten will, dann - völlig unmotiviert - in Romeo den Mann ihres Lebens findet und eine deshalb relativ unglaubwürdige Trauerphase durchlebt.

Überhaupt hat der Liebesplot seine Längen. Der anfangs durch bedrückend rhythmische Musik, Türengeknalle und Kletterpartien dynamisierte Spielraum steht still, wenn sich Romeo und Julia über die Konsequenzen von Tybalts Tod duellieren, eine rechte Stichomythie will nicht zustande kommen. Dann liegen sie sich abermals in den Armen - es ist eine zarte Liebe, aber eine langweilige. Fast kann man den Rat der Amme verstehen, Julia möge wie von ihren Eltern vorgesehen den Grafen (Christian Bo Salle) heiraten. Romeo ist da längst verbannt nach Mantula, und es kommt zur Aussprache zwischen Julia und ihren Eltern.

Mit dem Auftritt der Capulets kann das Stück wieder an Emotionalität gewinnen. Mit Gewalt setzt der alte Capulet seine Meinung durch, wirft seine Frau auf die Bretter und putzt die Tochter mit einer Vielzahl lautstarker Kraftausdrücke herunter - das einzige Kind »und dann eine Idiotin«. Mehr schlecht als recht schlägt sich Julias Komplizin nun auch auf die Seite der Vernunft. Einzig Bruder Lorenzo bleibt, er schlägt Julia den vorgetäuschten Gifttod als Ausweg vor - Lorenzos Ankündigung vom Anfang - »es sieht nach Leichen aus« - hat das Ende bereits vorweg genommen. Der Chor von Graf, Amme und den Capulets schafft düsterste Grabkammeratmosphäre im semantisierten Raum - alles atmet Tod. Der Doppelselbstmord in der Familiengruft der Capulets ist tränenreich und stereotyp. Am frenetischen Applaus der Zuschauer änderte dies nichts.

Christina Mohr

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Artikel vom 06.06.2010 - 19.33 Uhr
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