Bad Hersfelder Festspiele zeigen Maxim Gorkis »Sommergäste«
Bad Hersfelder Festspiele erstmals mit russischem Stück: Maxim Gorkis »Sommergäste« in der Stiftsruine.
Liebesturbulenzen auf dem Fahrrad mit Lars Weström und Emanuela von Frankenberg.
Stiftsruine einmal anders: Der Pool auf der Spielfläche hatte gewiss temperiertes Wasser für die Akteure, denn die abendlichen Celsiusgrade am Samstag in Bad Hersfeld lagen um die zwölf Grad. Doch die Akteure ließen sich davon nicht beeindrucken und demonstrierten ausgiebig nasses Freizeitvergnügen. Man spielte ausschließlich im Querhaus und im Vierungsbereich unterm Zeltdach, sodass es nichts machte, als sogar Regen einsetzte.
Die Premiere von Maxim Gorkis »Sommergäste« im Breitformat kam bestens beim Publikum an, das nach den gut zwei Stunden mit viel herzlichem Beifall, angeregten Gesprächen und nachdenklich stimmenden Kommentaren reagierte. Auf ein Stück, das 1904 entstand, als die russische Gesellschaft sich im Umbruch befand, auf eine Regie, die sowohl espritvolles Theater als auch sensibel durchgezeichnete Charaktere bot, die auf spannende Unterhaltung setzte und turbulenten Ensemble-Aktionismus klug mit berührenden Kammerszenen durchbrach. Shakespearesche Intermezzofiguren lockerten die Szenenfolge zusätzlich auf: der »Wachdienst« - wie Pat und Patachon und dabei gleichermaßen an bekannte Figuren aus russischen Witzen erinnernd.
Der erfahrene französische Regisseur Jean-Claude Berutti hat die russisch-französische »Ehe« auch in anderen Details hervorblitzen lassen. Etwa wenn Wlas mit Marja auf dem Fahrrad virtuos durch die Partygesellschaft kurvt und sich links und rechts die Pärchen hinter vielsagend wackelnden Schirmen vergnügen - das erinnert an gewisse frühe Filme aus dem Nachbarland. Szenen und Dialoge stehen in rascher Folge hintereinander, manchmal auch simultan oder - fotografisch gesprochen - in Überblendtechnik; Resultat ist eine veränderliche dramatische Dichte - sehr lebendig!
Die tiefgründig erscheinenden Fragestellungen und heftig polarisierenden Diskussionsszenen sind russische Tradition, viel getrunken wird auch, und Tschechows »Kirschgarten« lässt grüßen, nur dass die Aufbegehrer gegen eine Gesellschaft des schönen Scheins zum Schluss immerhin Schritte hin zur utopischen Zukunft von Freiheit und Selbstbestimmung zu tun imstande sind. Nicht von ungefähr hatte die Uraufführung von »Datschniki« kurz vor der missglückten Revolution von 1905 die Wirkung eines Fanals. Datschniki, das ist die gelangweilte Gesellschaft von saturierten Intelligenzlern und Schmarotzern, die auf ihren gut ausgestatteten Landsitzen ihrem Vergnügen frönt: Der pragmatisch-rücksichtslose Rechtsanwalt Sergej Basow und seine Frau Warwara (Warja), die nach einem erfüllten Leben sucht, die scharf denkt, aber alle Ansätze zur Konfliktlösung erst mal mit »nicht jetzt« abbricht.
Überhaupt ist bei den meisten Datschagästen das Eingefahrene und das Zudecken an der Tagesordnung. Auch beim Ingenieur Pjotr Suslow, dessen Frau Julija freien Sex propagiert. Während der Arzt Kirill Dudakow die eingefahrene Rolle pflegt, macht seine bis dato gluckige Frau Olga schließlich dem Verdutzten klar, dass er sich auch mal um die gemeinsamen Kinder kümmern soll. Der angehimmelte Schriftsteller Jakow Schalimow befindet sich offenbar in einer Schaffenskrise. Witzig die Szenen mit der symbolistisch angehauchten Nachwuchsdichterin Kalerija. Eine besondere Liebe entsteht zwischen der fortschrittlichen Ärztin Marja Lwowna und dem viel jüngeren Wlas Tschernow; hier wird der Zwiespalt zwischen Gefühl und Konvention auf glaubwürdige Weise vermittelt - wie überhaupt dank überragender Besetzung der genannten wichtigen Rollen die Spielintensität dieser Produktion bis in die Details geschliffen erscheint.
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