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Aufgewärmtes nach der Kinderoper

Artikel vom 26.07.2009 - 18.35 Uhr

Aufgewärmtes nach der Kinderoper

Mit zwei unergiebigen Pressekonferenzen, einer echten und einer aufgewärmten Premiere starteten die 98. Richard-Wagner-Festspiele in die neue Bayreuther Ära unter der Leitung der Ur-Enkelinnen Katharina Wagner und Eva Wagner-Pasquier.
Iréne Theorin als Isolde und Robert Dean Smith als Tristan in der fast fünf  Jahre alten Inszenierung von Christoph Marthaler.	(
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Iréne Theorin als Isolde und Robert Dean Smith als Tristan in der fast fünf Jahre alten Inszenierung von Christoph Marthaler. (dpa-Fotos)
Dass die beiden Halbschwestern gemeinsame Auftritte so gut wie möglich vermeiden wollen, demonstrierten sie bereits in der mit Spannung erwarteten Pressekonferenz am Eröffnungsmorgen. Nach einer kurzen Begrüßung zogen sich beide aus der überfüllten »Silver Longue« zurück und überließen Pressesprecher Peter Emmerich das Feld. Auf der folgenden Konferenz unmittelbar vor der Premiere der Kinderoper trat Katharina allein in Erscheinung. Der Informationswert beider Veranstaltungen war gleich Null. Mit Ausnahme der Bitte, doch fleißig die Sponsoren der Festspiele und der damit verbundenen BF-Medien-Gesellschaft zu erwähnen, die sich um ein rundum erneuertes Erscheinungsbild und ein erweitertes Rahmenprogramm des Festivals kümmern soll. Das betrifft die Online-Darstellung, die Public-Viewing-Übertragungen, neu angebotene Einführungsvorträge und auch die Einkleidung der »blauen Mädchen«, die jetzt in silbergrauen Hosenanzügen über Programmhefte und Einlasskontrollen wachen.

Die wesentlichste Neuerung betrifft die Kinderoper, die jetzt mit einer rund 70-minütigen Fassung des »Fliegenden Holländers« als Versuchsballon auf einer umgebauten Probebühne gestartet wurde. Die Kinder waren bei der Premiere zahlenmäßig den Pressevertretern und Politikern (inklusive Familienministerin Ursula von der Leyen) noch hoffnungslos unterlegen, doch mischten sie sich munter in die Handlung ein (Daland: »Sollte ich hier etwa überflüssig sein?«. Ein Dreikäsehoch bestimmt: »Ja!«). Die Fassung wurde zusammen mit dem Studiengang Musiktheaterregie der Hanns Eisler Musikhochschule Berlin erarbeitet, die pfiffigen Kostüme stammen aus einem bundesweiten Schülerwettbewerb. Der »Holländer« mit seiner Handlungsdichte und seinem Gespensterspuk bietet ideale Bedingungen für einen Einstieg in die komplizierte Welt Richard Wagners. Umso spannender darf man auf Kinderfassungen harter Brocken wie dem »Tristan«, dem »Parsifal« oder dem »Ring« warten, die für die nächsten Jahre vorgesehen sind.

Mit dem »Holländer« gab man sich redlich Mühe. Der Steuermann erzählt die Geschichte aus seiner Erinnerung heraus, wobei man den emotionalen Höhenflügen der hochromantischen Story ein wenig die Zähne zog. Senta (mit kerngesunder Stimme: Anna Gabler) präsentiert sich als munter schwärmender Teenie, der mit dem Holländer (recht undeutlich artikulierend: Dmitri Orlov) am Ende durch ein Fenster dem spießigen Dorfmief entflieht. Wichtig, dass auch ein Chor und ein (wenn auch verkleinertes) Orchester mitmischten. Noch wichtiger, dass die Kinder eingebunden wurden. Sie durften Kulissen verschieben, die Windmaschine bedienen und die Handlung eifrig kommentieren. Der Ansatz stimmte, auch wenn man sich eine noch intensivere Ansprache vorstellen könnte. Und das »Holländer«-Schiff mit seinen blutroten Segeln, erst recht der Spuk auf dem Geisterschiff, ließe sich noch plastischer realisieren.

Die zehn Vorstellungen für insgesamt etwa 2000 Kinder im Alter von sechs bis zehn Jahren waren ebenso schnell ausverkauft wie die Aufführungen für die Großen. Die konnten sich am Nachmittag an der fast fünf Jahre alten »Tristan«-Inszenierung von Christoph Marthaler und zuvor an dem Einzug der Gäste erfreuen. Viel Neues gab es dabei weder vor noch im Festspielhaus zu sehen. Die »bunte« Liga von Gottschalk bis Margot Werner war ebenso vertreten wie die »schwarz-gelbe« von der Kanzlerin bis Minister zu Guttenberg, Guido Westerwelle und der bayerischen Landesregierung. Für Abwechslung sorgt hier allein die Fluktuation bei den bayerischen Ministerpräsidenten. Diesmal genoss Horst Seehofer das Bad in der Menge.

Einzige optische Änderung in Marthalers »Tristan« auf Anregung diverser Publikumsbeschwerden: Ein Rettungsring deklariert das abstrakte Bühnenbild von Anna Viebrock eindeutig als Schiffslandschaft, so wie es sich gehört. Ansonsten droht Marthalers minimalistische, aber präzis ausgeführte Personenführung ohne seinen direkten Einfluss nach vier Jahren immer stärker in bloße Bewegungslosigkeit zu erstarren. Immer noch faszinierend, wie konsequent er die Isolation der Figuren über zwei lange Akte durchhält, wie er der ekstatischen Musik einen Kontrapunkt der Ruhe gegenüberstellt. Atmosphärisch lässt einen der »Tristan«, noch dazu im Zuge etlicher Verschleißerscheinungen, dabei kalt wie eine Hundeschnauze. Da wirkt ausgerechnet der dritte Akt befreiend, wenn sich der sterbende Tristan allmählich von den Fesseln der Marthalerschen Bewegungs-Etikette befreit.

Musikalisch gibt es nichts Neues zu berichten: Peter Schneider dirigiert mit allen guten und weniger guten Facetten seiner profunden Routine durch den Abend, wirkte diesmal weniger hektisch als im letzten Jahr, bisweilen geradezu gezähmt. Das Titelpaar mit Robert Dean Smith und Iréne Theorin bieten verlässliche, wenn auch keine sensationellen Leistungen. Die stärksten Akzente setzten Michelle Breedt als Brangäne und Robert Holl als König Marke, dem einzigen, der die Tugenden textverständlichen Singens nicht vergessen hat. Pedro Obiera

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Artikel vom 26.07.2009 - 18.35 Uhr
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