Nachrichten Web
Sie sind hier: Startseite » Nachrichten » Hessen »

Vom Tellerwäscher zum Starfotografen

Artikel vom 07.02.2010 - 20.18 Uhr

Vom Tellerwäscher zum Starfotografen

Alsfeld (dpa). Der Weg zum Starfotografen begann für Gerd Ludwig am Autobahndreieck Kirchheim - mit 500 Mark in der Tasche. Gerade hatte er sein Lehramts-Studium abgebrochen: »Jeden Morgen den gleichen Weg zur gleichen Schule laufen - das konnte ich mir nicht mehr vorstellen.«
Der Fotograf Gerd Ludwig in seiner Wohnung in Alsfeld vor seinem 1992 entstandenen Bild einer Stalin-Statue in Moskau.	(Foto: dp
Lupe - Artikelbild vergrössern
Der Fotograf Gerd Ludwig in seiner Wohnung in Alsfeld vor seinem 1992 entstandenen Bild einer Stalin-Statue in Moskau. (Foto: dpa)
Stattdessen wollte Ludwig die Welt sehen. Nach seinem Start als Anhalter am Autobahndreieck reiste er ein Jahr lang durch Nordeuropa und die USA, schlug sich durch als Maurer, Matrose und Tellerwäscher. Weil ihm das Geld für Souvenirs fehlte, machte er Fotos. »Als ich zurückkam, wollte ich das machen, was mir am meisten Spaß bereitete - und das war plötzlich die Fotografie.«

Inzwischen, rund 40 Jahre später, gehört Ludwig zu den gefragtesten Fotografen der Welt. Wer Einzelunterricht bei ihm nehmen will, muss fast 150 Euro pro Stunde auf den Tisch legen. Ludwig arbeitet für die Zeitschrift »National Geographic«, eine erste Adresse für Reportage-Fotografie. 2006 hat er den Lucie-Preis gewonnen, eine Art Oscar für Fotografen. Trotz aller Erfolge: Ludwig ist ein unauffälliger Beobachter geblieben - in schwarzen, verwaschenen Jeans und dunkelgrauem Pulli. Hinter einer Hornbrille eilen seine blauen Augen hin und her.

Pendler zwischen der oberhessischen Provinz und der kaliformischen Metropole L.A.

Ludwig war auf allen Kontinenten unterwegs, hat die Umweltverschmutzung in Russland fotografiert, Indianer im brasilianischen Regenwald und hungernde Kinder in Burkina Faso. »Nach 70 Ländern habe ich aufgehört zu zählen.« Oft arbeitet Ludwig mit extremem Weitwinkel-Objektiv. Dazu muss er seinen Motiven ganz nahe kommen. »Je näher man jemanden sieht, desto näher steht man ihm auch. Nur Verwandte und Freunde kennt man ganz aus der Nähe. Diese Intimität erzeuge ich mit dem Weitwinkel.« Ludwig will Menschen unverstellt vor die Kamera holen - möglichst im privaten Umfeld.

Wochen-, wenn nicht sogar monatelang ist Ludwig für jede seiner Reportagen unterwegs. Bis zu 40 000 Fotos schießt er in dieser Zeit - am Ende erscheinen davon nur rund 20 Bilder. »Ich fotografiere sehr riskant. Auf ein gutes Foto kommen gut und gerne 100 unbrauchbare.« Privat lässt Ludwig die Kamera deshalb meistens in der Tasche. »Als Fotograf von Familienfeiern bin ich mit meiner Technik vollkommen ungeeignet.«

Oft fotografiert Ludwig die Habenichtse einer Gesellschaft. Armut kennt der 62-Jährige aus der eigenen Kindheit.

Kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde Ludwig als Sohn von Heimatvertriebenen in einem Dorf bei Alsfeld im Vogelsberg geboren. »Wir hatten damals ein einziges Zimmer. Darin wurde geschlafen, gewohnt und gekocht.« Erst als Ludwig sechs Jahre alt war, zog seine Familie in einen unscheinbaren Neubau am Stadtrand von Alsfeld. Dort verbringt Ludwig heutzutage rund zwei Monate im Jahr. Er arbeitet in einem weiß gestrichenen Zimmer mit einem großen roten Sofa und einem beigen Ikea-Sessel. Durch die Glasfront geht der Blick auf Gartenhäuschen und eine Berufsschule.



Artikel Drucken Drucken  Versenden
Artikel vom 07.02.2010 - 20.18 Uhr
Social Networks
Facebook Twitter studiVZ meinVZ schülerVZ MySpace  Del.icio.us
X Diesen Artikel versenden






* Bitte füllen Sie alle Felder aus.
Kommentar schreiben
Impressum Kontakt AGB Nutzungsbedingungen Datenschutz
TopSeitenanfang