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Ein Hof in Rechtenbach – und ein Foto, das um die Welt ging

Artikel vom 01.07.2013 - 14.07 Uhr

Ein Hof in Rechtenbach – und ein Foto, das um die Welt ging

Ein Bild, das auf besondere Weise den Wahnsinn des Krieges dokumentiert, entstand im Hüttenberger Ortsteil Rechtenbach. Das verzweifelte Gesicht eines 16-jährigen Flaksoldaten wurde zum Sinnbild des Schreckens.

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Der Wahnsinn des Krieges: Der Kindersoldat Hans-Georg Henke, fotografiert von John Florea in Hüttenberg-Rechtenbach. (Getty Images)
Wenn Steine reden können, dann reden sie in Rechtenbach...

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»Dass diese Geschichte in der langen Zeit von 1945 bis heute weitgehend unbekannt geblieben ist und noch nicht mal in Hüttenberg zur Kenntnis genommen wurde, ist mir ein Rätsel.« Eigentlich fehlen Pfarrer Helmut Hofmann, der schon von Berufs wegen eher ein Mann der Rede ist, die Worte. In der Tat hat der 61-Jährige, der in verschiedenen Gemeinden des Kirchenkreises Wetzlar arbeitet, allen Grund dazu. Denn seine Hofreite im Hüttenberger Ortsteil Rechtenbach ist – wenn man so will – ein geschichtsträchtiger Ort des Zweiten Weltkrieges, aber praktisch kaum jemand wollte das bisher wissen.

Nicht, dass hier entscheidende Schlachten geschlagen wurden oder bekannte Nazigrößen ihr unrühmliches Ende fanden. In dem kleinen Ort zwischen Gießen und Wetzlar wurde nur ein Foto gemacht, aber eines, das um die Welt ging. Es ist in fast jedem Geschichtsbuch zu finden, und in zahllosen Dokumentationen zum Zweiten Weltkrieg wird es gezeigt: Der weinende, blutjunge Flaksoldat in dem zu großen Soldatenmantel. Das verzweifelte Gesicht des 16-Jährigen wurde zum Sinnbild des Schreckens und der Sinnlosigkeit des Krieges. Deswegen wurde das Porträt des Jungen, aufgenommen von dem amerikanischen Fotografen John Florea, eines der bekannteste Anti-Kriegsbilder der Welt. Und deshalb hat der Ort, an dem das Foto entstand, natürlich eine besondere Bedeutung.

Es geht aber nicht nur darum, dass das kleine verträumte Rechtenbach mit diesem Bild praktisch an der Weltgeschichte teilnimmt. Es geht genauso darum, dass es womöglich absichtlich verschleiert worden ist, dass die Aufnahme – es gibt eine ganze Fotoserie mit mehreren verschiedenen Motiven des verweinten Gesichts – in dem hessischen Dorf entstand.

Dass das Bild in Rechtenbach im Hof seines Anwesens an der Frankfurter Straße gemacht wurde, daran hat Helmut Hofmann gar keinen Zweifel.

30 Gefangene im Hof

»Mein Vater hat das berühmte Bild 1970 erstmals auf der Titelseite einer Jugendzeitschrift, die auf meinem Nachttisch lag, gesehen. Da hat er erzählt, dass der weinende Junge bei uns im Hof am 29. März 1945 fotografiert worden ist.«



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Artikel vom 01.07.2013 - 14.07 Uhr
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Leserkommentare
(02.12.2013 10:46)
Klaus Sommer
Meinung zum Bild Hans G. Henke
Ich kenne Herrn Henke sehr gut, da ich von 1959 im Kreiskrankenhaus Finsterwalde gearbeitet habe, wo Hans Georg Henke Verwaltungsleiter (SED)
und später pers. Referent der Kreisärztin gearbeitet hat. Ich bin auch einer der Väter des Dok-Filmes - Zwei Deutsche
Ich kenne einige Bilder von Henke aus dieser Zeit und ich kann sagen, ja auf diesem Bild ist Hans Georg Henke. Wir mussten seiner Aussage vom Aufnahmeort glauben. Auch ich bin erstaunt darüber, seine politische Ansicht hat sicherlich einige Tatsachen umgestaltet.
(14.07.2013 08:57)
Peter Hartung
Wo Flakhelfer eingesetzt waren
Und zum Thema "Einsatzorte von Flakhelfern" schrieb mit Gerhard Winter wie folgt: "Zu den Einsatzorten der Flakhelfer ist zu bemerken, daß sie generell nicht an ihrer Heimatregion eingesetzt wurden.
Im Raum Nidda waren Flakhelfer aus dem Saarland, Idar-Oberstein, Mitteldeutschland und sogar aus Schlesien im Einsatz. Während Flakhelfer aus Nidda in Merzhausen im Taunus eingesetzt waren."
(14.07.2013 08:53)
Peter Hartung
Wie kam Henze bis Rostock?
Bis zum 18. April 1945 waren die West-Alliierten auf folgende Linie vorgedrungen (von Süd nach Nord): Chemnitz-Colditz-Leipzig-Dessau-Barby-Magdeburg-Tangermünde-Wittenberg. Bis zum 7. Mai war man dann bis Wismar gekommen. Aber am 4. April waren die Westalliierten noch zwischen Kassel-Paderborn-Hameln-Minden. Der Niddaer Gerhard Winter hat mir ergänzend dazu wie folgt geschrieben: "Das gezeigte Verhalten des Flakhelfers spiegelt den damaligen Fanatismus der Hitler-Jungen wider. Dabei sei an den Film "Die Brücke" erinnert. Obwohl sich das Kriegsende für sie bereits abzeichnete, waren sie weiterhin vom Endsieg überzeugt und wollten ihren Anteil dazu noch leisten. Entweder ist der Flakhelfer als so genannter Kindersoldat aus der US-Gefangenschaft entlassen worden, oder er ist aus dieser entkommen. Zwischen der ersten Gefangennahme und der zweiten liegt ein Zeitraum von einem Monat. Vor den vorrückenden westlichen Kampfverbänden haben sich versprengte deutsche Wehrmachtseinheiten Richtung Osten bewegt, um die Reichshauptstadt gegen die anrückende Rote Armee zu verteidigen. Gleichfalls waren demoralisierte deutsche Soldaten, die sich bereits ihrer Waffen entledigt hatten, in östlicher Richtung unterwegs , um einer Gefangennahme zu entgehen. Außerdem wurden auch deutsche Einheiten unbemerkt von der US-Army überrollt und zogen hinter den US-Truppen ebenfalls in Richtung Osten."
(04.07.2013 16:44)
Peter Hartung
"Boy soldier"
H. G. Henke wurde von der DDR-Propaganda instrumentalisiert. Im SPIEGEL Nr. 42 aus 1997 war wie folgt zu lesen: "Das Foto vom Mai 1945, das ihn als 16jährigen weinenden Flakhelfer im verschmutzten und viel zu großen Soldatenmantel zeigt und in unzähligen "Wochenschau"-Berichten und Schulbüchern publiziert wurde, sollte zu einem ergreifenden Sinnbild gegen den Krieg werden. Der wegen aufmüpfiger Haltung gegenüber seinem Arbeitgeber zur schweren Flak bei Magdeburg geschickte schmächtige Junge befand sich damals auf der Flucht vor einem Angriff der sowjetischen Infanterie und "rannte um sein Leben". Ein Bericht im NEUEN DEUTSCHLAND und ein DDR-Dokumentarfilm von 1988 würdigten den im brandenburgischen Finsterwalde ansässigen Henke als "bewußten Genossen". Hans-Georg Henke starb vergangenen Montag in Finsterwalde." - Die DEFA-Produktion "Zwei Deutsche - Jahrgang 1928" (Regie Gitta Nickel; Kamera Niko Pawloff, DEFA-Gruppe Effekt, ) entstand im Jahr 1988. Der Film ist auf DVD verfügbar. Weitere Photos von Henke können über die nachfolgenden Link abgerufen werden: http://historicphotographs.blogspot.de/2013/03/hans-georg-henke-15-year-old-german.html . Im Internet gab es dazu folgenden Kommentar:
Just signed up here yesterday, and have been flipping through the photos. This one stooped me. What a senseless waste of a young life. I hope and pray that he had a good life and that he wasn't scarred too badly.
(04.07.2013 09:45)
Bad Nauheim bewegen
Identität!

@hedwigrohde S.2: "Darunter sei auch der junge Flaksoldat Hans-Georg Henke aus Finsterwalde gewesen, der in Rechtenbach einquartiert gewesen sei. S.4: "Befragen kann man Hans-Georg Henke dazu nicht mehr, er starb 1997 in Finsterwalde."

(04.07.2013 07:25)
hedwigrohde
Identität?
Weiß man denn auch, wie der Junge hieß bzw. ob er noch lebt?
(01.07.2013 16:17)
Peter Hartung
Mauerabschnitt mit Soldat
Ergänzend dazu diese Bild des jungen Soldaten, das zugleich den im Artikel erwähnten Mauerabschnitt mit dokumentiert:
http://waralbum.ru/wp-content/uploads/2011/10/Flakhelfer_Hans-Georg_Henke_1945_2.jpg
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(01.07.2013 16:13)
Peter Hartung
Bild vom Krieg
Hier ein weiteres Foto des jungen Soldaten von John Florea, offensichtlich ebenfalls in Rechtenbach aufgenommen:
http://veja.abril.com.br/blog/sobre-imagens/files/2013/04/John-Florea-12.jpg
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