Jüdische Auswanderer schilderten in Rauischholzhausen Schicksal
Ebsdorfergrund (ker). Etwa 200 Menschen nahmen - nachdenklich gestimmt und bewegt - kürzlich an einer Gedenkveranstaltung der Gesamtschule Ebsdorfergrund in Rauischholzhausen teil.
Amnon Orban (2. von links), Vorsitzender der jüdischen Gemeinde Marburg, betete das Kaddisch, eines der wichtigsten Gebete im Judentum, mit (von links) Walter und Alfred Spier zum Abschluss der Gedenkveranstaltung. (Fotos: ker)
Die Lebens- und Schicksalsgeschichte eines Rauischholzhäuser Jungen, seiner Familie und anderer jüdischer Mitbürger wurde von Augenzeugen geschildert; auf dem jüdischen Friedhof rückte die Vergangenheit ganz nah ins Bewusstsein der Menschen, wie deutlich zu spüren war.
Es dürften keine Büsche und Brennnesseln über das Geschehen wachsen, unterstrich Helmut Wollenstein, Propst des Sprengels Waldeck und Marburg. Schon alleine aus Respekt vor den Opfern verbiete sich dies. »Unendlich« wertvoll sei es, wenn jemand da sei und erzählen könne, so der Vertreter der evangelischen Kirche. In Rauischholzhausen war jemand da, der bereit war sich zu erinnern und zu erzählen. Walter und Alfred Spier - zwei von fünf Geschwistern, die in Rauischholzhausen geboren waren, in der Lerchengasse 16 wohnten und als Kinder den Antisemitismus mit all seinen Grausamkeiten erleben mussten. Beide waren mit ihren Ehefrauen Karla und Hannelore zur Gedenkfeier nach Rauischholzhausen gekommen. Bis auf Alfred Spier, der in Bielefeld lebt, sind alle Geschwister nach dem Holocaust in die USA ausgewandert. Eltern und Großeltern starben im Konzentrationslager.
Glückliche Kindheit durch
Nazis brutal beendet
Narben von Peitschenhieben und eine Tätowierung - aus der Gefangenschaft im Ghetto Theresienstadt, dem Konzentrationslager Auschwitz sowie Mauthausen sind noch heute körperliche Male des mittlerweile 83-jährigen Walter Spier. Über seine Lebensgeschichte berichtete seine Frau während der Gedenkfeier in englischer Sprache. Diese Geschichte erzählte von einer zunächst glücklichen Kindheit mit Festtagen und Bräuchen. Durch das Naziregime ereilte die Familie Spier dann ein Schicksal, das sie mit vielen Millionen Menschen teilte. »Nie hätte ich gedacht, hier zu stehen und dies alles zu erzählen«, sagte der in New York lebende Walter. Trotz dieser Vergangenheit und »langem Hadern mit Gott« habe er dort ein neues und erfülltes Leben finden können.
Nachdenklich hörten die Schülerinnen und Schüler der GS Ebsdorfergrund den Augenzeugenberichten zu.
»Sechs Millionen getötete Juden, das ist schwer vorstellbar, aber wenn ein Junge erzählt - das ist alles«, brachte Wollenstein die Betroffenheit der Veranstaltungsteilnehmer auf den Punkt. Zur Gedenkfeier gekommen waren viele Rauischholzhäuser, Schüler, Eltern und Lehrer der Gesamtschule Ebsdorfergrund sowie Vertreter der Gemeinde. »Erinnern und Gedenken« wollte man hier mitten im Grünen, bei dem am Waldrand liegenden jüdischen Friedhof.
Dass dies realisiert werden konnte, ist dem Zusammenwirken einiger engagierter Menschen zu verdanken. Insbesondere die Dreihäuser Pfarrerin Angelika Kaese habe sich sehr für diese Veranstaltung eingesetzt, sagte Bürgermeister Andreas Schulz. Veranstalter war die Gesamtschule Ebsdorfergrund. In Zusammenarbeit mit der jüdischen Gemeinde Marburg und durch Unterstützung des Vereins Dorfgemeinschaft Rauischholzhausen, der evangelischen Kirche Kurhessen Waldeck, der Konrad-Lauer Stiftung sowie des Landkreises und der Gemeinde wurde die Umsetzung möglich.
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über den Holocaust