Heinz Becker nicht mehr im Kreisbauernverbandsvorstand
Hüttenberg (gbp). »Dort, wo Landwirte in der Kommunalpolitik sind, haben wir die wenigsten Probleme«: In der Vertreterversammlung des Kreisbauernverbands (KBV) Gießen/Wetzlar/Dill appellierten nicht nur Geschäftsführer Hans-Martin Sames und KBV-Vorsitzender Manfred Paul an die Bauern, sich mit ihrer Sach-, Fach- und Ortskenntnis in den politischen Gremien zu engagieren. Auch der ehemalige Kreislandwirt und KBV-Vorsitzende Heinz Becker (Lich-Muschenheim) betonte in seiner Rede, mit der er sich aus dem Vorstand verabschiedete, dass sich Landwirte in die Kommunalpolitik einbringen sollten und nicht »tatenlos zusehen und Verantwortung üben, um Weichen stellen zu können«.
Eine Hängematte für den ehemaligen Kreislandwirt und KVB-Vorsitzenden: (von links) Heinz Becker, Dieter Ihle, Hans Walbrecht und Vorsitzender Manfred Paul bei der Ehrung in den Hüttenberger Bürgerstuben.
Manfred Paul ehrte Becker für seine Verdienste um den Verband, dessen Vorstand er 34 Jahre lang angehörte, von 1998 bis 2006 als Vorsitzender. Ende des vergangenen Jahres verabschiedete sich Becker bereits aus den Ämtern als Vorsitzender des Gebietsagrarausschusses und als Kreislandwirt, die er fast 30 Jahre lang, seit Dezember 1980, innegehabt hatte. In seiner Abschiedsrede stellte er Werte wie Gemeinsamkeit, Ehrlichkeit und Pflichtbewusstsein der heutigen »Ellbogenmentalität« gegenüber und ließ ein Stück Zeitgeschichte in der Landwirtschaft Revue passieren: von den Bestrebungen Ökologiebewegung und den Forderungen der Tierschutzorganisationen gegen die Massentierhaltung, auf die die Landwirtschaft zu reagieren hatte, über die Turbulenzen um BSE und Maul- und Klauenseuche bis hin zu Themen wie Flächenverbrauch oder Ausgleichs- und Kompensationsmaßnahmen. Mittlerweile sei der Naturschutz »auf den Boden« zurückgekehrt, es sei deutlich geworden, dass Kulturlandschaftspflege ohne die Landwirtschaft nicht möglich ist. Becker bedauerte, dass das KBV-Gebiet bezüglich Biogasanlagen ein »weißer Fleck« sei, im Lahn-Dill-Kreis gibt es nur eine, im Kreis Gießen zwei solcher Anlagen.
Auch standen zwei weitere Ehrungen an: Paul verlieh die silberne Ehrennadel des HBV an Hans Walbrecht (Lollar-Salzböden) und Dieter Ihle (Grünberg-Harbach), die beide 24 Jahre lang, bis 2009, Ortsbauernverbände führten: Walbrecht war Vorsitzender des Ortsbauernverbands Salzböden, Ihle führte sehr engagiert die Geschäfte des Ortsbauernverbands Harbach und betreut zudem die Harbacher Landsenioren seit ihrer Gründung 1991. Ihle blickte zurück auf sein sechs Jahrzehnte langes Engagement, das mit der Landjugend begonnen hatte.
Vor den rund 100 Landwirten in den Hüttenberger Bürgerstuben bezeichnete Vorsitzender Manfred Paul in seinem Geschäftsbericht 2009 als »sehr dramatisches Jahr«. Ob im Bereich Milch- oder Fleischproduktion - Paul sprach von »Trauerspiel« und »Tal der Tränen« - oder in der Getreideernte: »Zum Nulltarif kann Landwirtschaft nicht produzieren«. Positiver sei die Bilanz am Geflügelmarkt. Hier herrsche große Nachfrage und seien noch Chancen und Nischen zu finden. »Unlauteren Wettbewerb« beklagte Paul in der Eierproduktion, wo deutsche Erzeuger mit einem Versorgungsgrad von 54 Prozent mit polnischen Lieferanten konkurrieren müssten, die nicht an die Bodenhaltung gebunden sind. Um Konkurrenzfähigkeit zu den französischen Berufskollegen geht es den Landwirten bei ihrer Forderung zur Abschaffung der Agrardieselbesteuerung. Agrarsubventionen seien kein »Geschenk«, sondern ein Ausgleich dafür, was früher das landwirtschaftliche Marktgeschehen regelte: Geld für erbrachte Leistung. Auch die Landwirtschaft sei in den Strudel der Finanz- und Wirtschaftskrise geraten, ohne jedoch von bei den Konjunkturpaketen der Regierung berücksichtigt worden zu sein, so Geschäftsführer Hans-Martin Sames, der auf medienwirksame Aktionen des Berufsstandes zurückblickte: So die größte deutsche Bauerndemo in Berlin und die Protestaktion mit rund 3000 Bäuerinnen und Bauern und 200 Schleppern auf dem Frankfurter Opernplatz. Auch fasste er die Forderungen des »Notprogramm Milch 2009« des Bauernverbands zusammen: keine weiteren marktwidrigen Quotenerhöhungen durch die EU, sofortige Verfütterungsbeihilfe für Milch, Milch- und Magermilchpulver, sofortige Beendigung der Verwendung von Milchimitaten sowie die Ausweitung und Umsetzung des Schulmilchprogramms. Als Erfolg seien die zinsverbilligten Liquiditätshilfen sowie die Senkung der LKK-Beiträge und der Alterskassenbeiträge zu verbuchen, ebenso die Verteidigung des Bundeszuschusses zum LBG-Beitrag und die 65-prozentige Senkung des LBG-Beitrags.
Sames wies auf die Veranstaltungen 2010 hin: Der Hessische Bauerntag am 25. Juni in Kassel, die zentrale Erntedankveranstaltung der Landwirtschaft im Landkreis Gießen am 23 Oktober, das Hoffest des Landkreises Gießen am 13. Juni auf dem Hof von Familie Klug in Heuchelheim (Goethestraße 23) und das Hoffest des Lahn-Dill-Kreises am 11. Juli auf dem Hof der Familie Wenzel in Schöffengrund-Laufdorf (Windhof).
Im Zuge der Vorstandwahlen wurden der stellvertretende Vorsitzende Olaf Zipp (Leun Biskirchen) sowie die Beisitzer Martin Albohn (Grünberg-Reinhardshain) und Friedhelm Haag (Solms-Oberbiel) wiedergewählt. Auch stand ein Referat von Klaus Gottuck (GHV Darmstadt) zum Thema »Umweltschadengesetz, Haftungsrisiken und Versicherungskonzepte für Landwirte« auf dem Programm. (Foto: gbp)