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Die letzten Bergmänner der Wetterau

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Artikel vom 08.01.2017 - 18.00 Uhr

Die letzten Bergmänner der Wetterau

Wölfersheim (vpf). Dunkel war es unter Tage, man musste auf seinen Kopf achten und darauf, was die Mäuse machen. Zwei ehemalige Kumpel aus Wölfersheim erinnern sich gemeinsam an die Zeit, als dort noch Braunkohle abgebaut worden ist. Davon zeugen heute nur noch einige Seen und das Museum, in dem die beiden sich treffen.

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Unter Tage war Kameradschaft das A und O.
© pv
»Kerlle, wie oft haben wir so hier gesessen, was Helmut?« Herbert Schweitzer klopft seinem ehemaligen Kumpel Helmut Rieß auf die Schulter, der nickt gedankenversunken. Die beiden sitzen gemeinsam in der sogenannten Frühstücksbude eines Stollens, ein schmaler Holzverschlag mit zwei langen Bänken, einem Tisch in der Mitte, eine einzelne Glühlampe baumelt darüber. Natürlich sitzen die beiden nicht in der echten Bude – die gibt es nicht mehr, seit das Wetterauer Kohlekraftwerk vor 25 Jahren abgeschaltet wurde – sondern in der nachgebauten Version im Bergbaumuseum. Damals, als in Wölfersheim noch Braunkohle abgebaut wurde, war Schweitzer der Vorgesetzte von Rieß, Steiger nannte sich das. »Aber wir wären nie auf irgendeinem Diplom rumgeritten, wir waren Bergleute, da waren alle per Du«, sagt Schweitzer. In der Frühstücksbude haben sich die Bergleute zu den Pausen getroffen, Stullen gegessen und Kaffee aus Blechkannen getrunken.

»Wir ham’s überlebt, Herbert«, sagt Rieß. Er lächelt, aber nicht ohne Schmerz im Blick. »Nur« zwei Todesfälle habe er miterlebt, »das war Glück«, sagt er. Denn die Arbeit im Bergwerk war gefährlich, immer wieder kam es in Kohlekraftwerken zu Einstürzen, Wassereinbrüchen und Explosionen. Dass Herbert Schweitzer und Helmut Rieß heute noch hier sitzen, haben sie unter anderem den ganz kleinen täglichen Gästen im Frühstücksraum zu verdanken: den Mäusen. »Die kleinen Racker waren unheimlich wichtig für uns, denn wenn sie angefangen haben wegzurennen, wussten wir, dass Gefahr droht, und sind auch losgerannt«, erzählt Rieß. »Deshalb war es unter uns Bergleuten eine Ehrensache, die kleinen Kerlchen zu füttern, wenn sie in die Bude kamen.«

An seinen ersten Einsatz unter Tage erinnert sich Rieß genau: »Es war schlimm, es war furchtbar eng und dunkel.« Während seine Schulfreunde nach dem Abschluss nichts anderes als Feiern im Kopf gehabt hätten, habe es für ihn anders ausgesehen: »Ich bin nach der Realschule direkt runter in das Loch.« Dass er einmal im Bergwerk arbeiten würde und nicht etwa bei einer Bank oder einer Versicherung, habe aber schon immer festgestanden: »Mein Opa, mein Vater, mein Onkel – alle waren Bergleute. Da hatte ich gar keine andere Wahl.« So kam es, dass Rieß nach dem Abschluss einige Jahre in der Tiefbaugrube in Heuchelheim arbeitete (»Praktikum würde man das heute nennen«), bis er 1961 an der Fachoberschule in Dillenburg die offizielle Ausbildung begann.

Auch Schweitzer machte hier seine Ausbildung, hatte vorher aber schon viele Jahre im Bergbau gearbeitet – notgedrungen: »Mein Vater kam in russische Gefangenschaft, daher war meine Mutter plötzlich alleine mit drei Kindern. Deshalb musste ich mit 14 Jahren das Gymnasium abbrechen, um für unseren Lebensunterhalt zu sorgen.« Er bekam eine Schwerarbeiterkarte und wurde im Bergbau verpflichtet. Angefangen hat er, so wie die meisten Bergleute, als Schlepper. Seine Aufgabe war es, die gefüllten Schlepptröge aus dem Stollen zu ziehen. An die Schwielen an den Händen und die Schmerzen in der Schulter habe er sich schnell gewöhnt, sagt Schweitzer: »Natürlich war das hart. Aber Bergmann zu sein war eine Berufung, da wusste man, dass man Leistung bringen musste.«

Nachdem das Kohlekraftwerk 1991 schließen musste, gründeten die ehemaligen Kumpel den Verein zur Pflege der Bergbau- und Kraftwerkstradition. Das Bergbaumuseum, seit 2006 in den Räumen des ehemaligen Umspannwerks der Ovag, beherbergt neben einem rund zehn Meter langen nachgebauten Stollen auch die Originaluniformen der Bergarbeiter. Dabei sind die der Wölfersheimer Bergarbeiter, Bochumer Kittel genannt, und Modelle aus Oberschlesien. Eines ist nicht nur diesen beiden, sondern allen Bergkitteln gemein: Jedes Modell hat 29 Knöpfe. »Das steht für das Alter, in dem die Schutzheilige der Bergleute, die heilige Barbara, von ihrem Vater geköpft wurde.«

Wer die Uniform trug und unter Tage musste, hatte vor allem zwei Grundregeln zu beachten, sagt Rieß: »Erstens: Kopf einziehen. Zweitens: Jeder passt auf den anderen auf.« Nichts sei in der Dunkelheit des Bergwerks wichtiger gewesen als Kameradschaft, sagt auch Herbert Schweitzer: »Mein oder dein gab es nicht. Wenn einer nicht mehr konnte, hat der andere ihm geholfen. Die Arbeit im Stollen ging nur gemeinsam.«

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Artikel vom 08.01.2017 - 18.00 Uhr
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