Wölfersheim (sto). Aus einer Garage in der Waldstraße dringt ein lautes Motorengeräusch. Wer ihm folgt und das Tor öffnet, findet Dieter Schwarzhaupt inmitten seiner zweirädigen Maschinen.
Wie ein Schrotthaufen sah die Maschine vor elf Jahren aus.
Der Liebhaber von Rollern und Motorrädern besitzt zwei Kleinkrafträder, gefertigt in der ehemaligen DDR, der Marke Simpson. Ein Moped wurde Anfang der 80er Jahre hergestellt. Der Roller »Schwalbe« ist Baujahr 1972. Zehn Jahre mehr auf dem Buckel hat ein Vespa-Roller. Das Juwel unter den vier knarrenden Maschinen ist jedoch ein Bücker-Motorrad, das am 1. Juli 1930 erstmals zugelassen wurde.
Damit hat der 67-jährige Elektromeister im Ruhestand eine Kostbarkeit in seinem Besitz. Die nun 80-jährige Maschine, die er intensiv pflegt, nennt er liebevoll »Lady«. Auch Ausfahrten macht er mit ihr und ihren drei Garagenschwestern. Während er die jüngeren abwechselnd zum Brötchenholen oder für sonstige Einkäufe und Besuche benutzt, hat »Lady« den Vorzug, nur zu Spazierfahrten gefordert zu werden. Dabei ist sie trotz ihres hohen Alters die Zuverlässigkeit in Person. »Zwar muss man manchmal mehrmals anzutreten, aber es klappt immer«, lobt Schwarzhaupt seine »alte Dame«. Dies ist um so erstaunlicher, da alle Teile einschließlich der Zündkerze noch von 1930 stammen.
Die Maschine wurde in Oberursel von Franz Bücker gefertigt, der Motorräder zwischen 125 und 1000 cbm herstellte. Dieter Schwarzhaupts Feuerstuhl ist eine von nur fünf gefertigten 600ern und heute einmalig.
1967 erwarb Dieter Schwarzhaupt diese Maschine, ohne um deren Rarität zu wissen. Damals wohnte er zur Miete beim einstigen Sattlermeister Karl Rau in Berstadt, im Volksmund »Burgs« oder »Burgvater« genannt. Eines Tages bat ihn sein Vermieter, beim Herausschieben seines in der hintersten Scheunenecke verstauten Motorrads samt Beiwagen zu helfen. Ein Bewohner aus Gießen hatte den Beiwagen gekauft, da er den an seiner eigenen Maschine kaputt gefahren hatte.
Auf Dieters Frage, was Karl Rau mit dem Motorrad nun vor hätte, antwortete der: »Das Ding kriegt der nächste Lumpenmann.« »Der Lumpenmann bin ich«, entgegnete Schwarzhaupt. Schnell war man sich handelseinig. Das Motorrad selbst verschwand wieder in der Scheune. Nur viel wusste Schwarzhaupt von der Maschine, dass sie mit ihrem Besitzer Rau zum Zweiten Weltkrieg eingezogen worden war und beide schadlos nach Berstadt zurückgekehrt waren.
Als Dieter Schwarzhaupt Berstadt verließ, nahm er sein eingemottetes Motorrad mit. Erst 1999 präsentierte er das von ihm restaurierte Zweirad der Öffentlichkeit. Der Anlass war eine Zweiradschau des AMC Butzbach. Dort machte ihn der AMC-Vorsitzende auf die Besonderheit aufmerksam und stellte den Kontakt zum Bücker-Fanclub her.