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Eigentlich wollte sie Schneiderin werden

Artikel vom 27.01.2012 - 11.03 Uhr

Eigentlich wollte sie Schneiderin werden

Rosbach v. d. H. (sky). »Wenn man auf andere Menschen zugeht und sich um sie kümmert, dann steht man auch selber niemals vor verschlossenen Türen.« Wenn Else Breither diese Lebenserfahrung an kommende Generationen weitergibt, weiß sie genau, wovon sie redet. Immerhin wird sie am Freitag ganze hundert Jahre alt

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Else Breither mit Sohn Theo und Enkelin Dorothee in ihrem neuen Zuhause im AGO-Seniorenzentrum. Ihre kunstvollen Häkeleien hat sie auch hier stets in greifbarer Nähe. (Foto: sky)
Geboren in Metz, und mit dem Bruder zusammen bei den Großeltern in der Pfalz aufgewachsen (die Eltern hatten ihre Kinder dorthin in Sicherheit gebracht), hat sie in ihrem Leben zweimal die Wirren eines Weltkrieges miterleben müssen. An eine Berufsausbildung war nicht zu denken gewesen, obwohl sie so gerne Schneiderin geworden wäre. »Wer damals eine Lehrstelle haben wollte, musste seinen Lehrherrn bezahlen und nicht umgekehrt«, erklärt Enkelin Dorothee Schmidt. Da musste die Schwester trotz bester Schulzeugnisse hinter ihrem Bruder zurückstehen – was in diesen Zeiten nichts Ungewöhnliches war.

1933 heiratete sie Wilhelm Karl Breither, mit dem sie zwei Kinder hatte. Allerdings starb Tochter Lieselotte bereits im Alter von nur drei Wochen. Für die junge Frau sollte das nicht der einzige Schicksalsschlag bleiben: Nach nur sieben Jahren Ehe starb ihr Mann an den Folgen einer schweren Lungenerkrankung. »Ich war schon mit 28 Jahren Witwe und habe auch nie wieder geheiratet«, berichtet die Seniorin. Schwere Zeiten, denn eine Hinterbliebenen-Versorgung stand ihr nicht zu. Bei ihren Eltern in Nieder-Wöllstadt fand sie Unterschlupf. Mit einer Putzstelle bei der Reichsbahn konnte sie das Nötigste für den Lebensunterhalt finanzieren, bis einem Vorgesetzten eines Tages ihre schöne Schrift auffiel. Damit öffneten sich für sie die Türen zu einem sicheren Arbeitsplatz im Büro, den sie bis 1972 zum Eintritt in den Ruhestand beibehalten sollte.

Vielen eine Freude gemacht

Die nun gesicherte – wenn auch bescheidene – Existenzgrundlage erlaubte es ihr, sich auch persönlichen Hobbys zu widmen. Kegeln und Radfahren, Blumenpflege und Handarbeiten zählten zu ihren Lieblingsbeschäftigungen. Noch als 80-Jährige hat sie mit ihren Nieder-Wöllstädter Freunden auf der Kegelbahn gestanden, und wer beim Gang durch den Ort auf das eine oder andere Fenster schaute, entdeckte dort nicht selten eine kunstvoll gearbeitete Gardine, die aus Breithers Produktion stammte. »Sie hat mit ihren Handarbeiten vielen Leuten eine Freude gemacht«, sagt ihre Enkelin. Sowohl die Fingerfertigkeit als auch die geistige Beweglichkeit bis ins hohe Alter hinein findet sie bewundernswert. »Bis vor fünf Jahren hat sie noch sämtliche Telefonnummern und Geburtstage aus ihrem Freundeskreis auswendig gewusst.« Und jedes Geburtstagskind habe ein eigenes Gedicht von ihr geschenkt bekommen. Täglich habe sie ihre Heimatzeitung von vorn bis hinten durchgelesen und sei deshalb stets gut informiert gewesen. Seit die Augen allerdings nicht mehr so recht mitmachen wollen, muss die eine oder andere Einschränkung hingenommen werden. Im November 2009 entschloss sich die Jubilarin deshalb zu einem Umzug ins AGO-Seniorenzentrum. Damit war sie eine der ersten Bewohnerinnen in dem neu gebauten Haus.

Heimleiterin Monika Bienecker wird heute neben Bürgermeister Detlef Brechtel und Gattin Erika zu den ersten Gratulanten zählen, die nicht unmittelbar zu Familie gehören. Vielleicht wird im Hintergrund ja auch noch leise Walzermusik laufen. »Da ist sie immer aufgeblüht, weil sie an die schöne, aber kurze Zeit mit ihrem Mann gedacht hat«, erinnert sich Enkelin Dorothee. Den zahlreichen Glückwünschen aus dem Familien- und Freundeskreis schließt sich die WZ gern an.

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Artikel vom 27.01.2012 - 11.03 Uhr
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