Die Wetterauer Streuobstwiesen als vergessenes Paradies
Rosbach v. d. H. (sky). Man braucht Geduld und eine gute Beobachtungsgabe, wenn man das richtige Motiv einfangen will, weiß der 90-jährige Naturfotograf Bernhard Bitz aus seiner langen Lebenserfahrung. Seit über sechs Jahrzehnten widmet er sich schon der Fotografie. Bis 27. September ist Bitz’ aktuelle Bilderausstellung »Streuobstwiesen, das vergessene Paradies« im AGO-Seniorenzentrum zu sehen.
»Das ist mein Pirol«: Bernhard Bitz (l.) mit Hausmeister Peter Lehmann, der zusammen mit einem Helfer die Fotografien aufhängt. (Foto: sky)
»Seit Jahrhunderten sind die Dörfer in der Wetterau von Streuobstwiesen umsäumt, sie stellen eine Kulturlandschaft ersten Ranges dar«, sagt der 90-Jährige. Es gebe eine große Zahl von Tier- und Pflanzenarten, die ausschließlich in diesem Lebensraum zu finden seien. Kein Wunder also, dass den rüstigen Senior immer wieder der Ehrgeiz packt, Seltenes und Kurioses digital oder auf Dia-Film festzuhalten. Ob es ein von Zecken geplagter Fuchs bei der Fellpflege ist, ein erstaunt blickender Dachs, eine »fliegende« Maus oder ein Eichhörnchen im Luftsprung - Schnappschüsse wie diese lassen erkennen, dass für die Tierfotografie nicht nur ein gutes Auge, sondern auch ein schneller Finger am Auslöser vonnöten ist.
Es sind jedoch nicht nur die haarigen Zeitgenossen, die sich dem Betrachter auf den über 50 Bildern zeigen. Für die meisten Motive mussten gefiederte Bewohner der Streuobstwiesen herhalten. Hausmeister Peter Lehmann, der mit einem Helfer einen Nagel nach dem anderen in die Wand klopft, um die Fotografien in den Fluren des Seniorenheims aufzuhängen, ist erstaunt über die Vielfalt der heimischen Vogelwelt. »Einen Pirol habe ich seit meiner Kindheit nicht mehr gesehen. Gibt es den hier überhaupt noch?«, fragt er etwas ungläubig. Bitz nimmt das Foto der gelben Schönheit zur Hand, die gerade ihre Jungen im Nest mit einer stattlichen Heuschrecke beglückt. »Es gibt ihn zwar selten, aber er ist durchaus noch zu finden«, erklärt er. Die Aufnahme sei im Beinhardswald entstanden. »Ich habe immer wieder seinen charakteristischen Gesang gehört und so lange gesucht, bis ich ihn gefunden hatte.«
Schon von klein auf habe der Naturfreund sich für die Vogelwelt interessiert. »Wenn ich morgens zur Schule kam, haben meine Klassenkameraden oft zu mir gesagt: ›Da kommt ja der Waldläufer‹.« Umfangreiches Wissen über Pflanzen und Tiere habe sich daraus entwickel. Nahaufnahmen von Glockenblumen und Klatschmohnwiesen, blühende Kirschbäume und ein Mondaufgang über den Streuobstwiesen sind ebenso dabei wie Porträts von Schnecke oder Schmetterling. Stationen eines Apfelbaums von der Blüte bis zur Ernte lassen ein ganzes Jahr gedanklich am Betrachter vorbeiziehen. Das Bild eines Waldkauzes, der sich in der Dämmerung auf die Mäusejagd vorbereitet, ist ein weiterer Hingucker.
Heimbewohnerin Else Brodrecht, die den Aufbau der Fotoausstellung interessiert verfolgt, ist begeistert: »Ich bin geborene Rosbacherin und finde es deshalb toll, dass sich jemand um dieses Thema kümmert.« Die heimische Tier- und Pflanzenwelt auf Fotos festzuhalten und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, sei etwas, wofür sie überaus dankbar sei. Auch Wolfgang Hergenröther aus Rodheim ist begeistert: »Es sind wunderschöne Naturaufnahmen, da schaut man doch gerne hin.«
Für Heimleiterin Monika Bienecker war es ein Glückstreffer, dass Bitz vor einiger Zeit bei ihr angefragt hatte, ob sie an einer Ausstellung interessiert sei. »Ich lade alle Menschen aus Rosbach und Umgebung ein, zu uns ins Haus zu kommen und sich an den Fotos zu erfreuen«, sagt sie.