Artikel vom
19.06.2010 - 14.15 Uhr
Ist Deponie Reiskirchen zig Millionen wert?
Gießen/Rabenau/Reiskirchen (agl). Ist die Deponie bei Reiskirchen möglicherweise 65 bis 120 Millionen Euro wert?
Auf diese Zahlenspanne kommt Professor Stefan Gäth (Professur für Abfall- und Ressourcenmanagement an der Justus-Liebig-Universität Gießen) mit seiner Schätzung, die sich auf Analyse-Daten stützt. Am Donnerstag gab er im Kreistagsausschuss für Infrastruktur, Abfallwirtschaft, Landwirtschaft, Umwelt und Energie, der im Reiskirchener Bürgerhaus tagte, einen Zwischenbericht unter dem Titel »Ressourcenpotenzial der Deponie Reiskirchen«.
Gäth spannte den Bogen von der Verknappung der Rohstoffe bis zur Schätzung des Deponie-Wertes. »Ist die Deponie ein Depot?«, fragte er. Würde sich also der Rückbau lohnen, um Ressourcen nutzen zu können? Um diese Frage beantworten zu können, ist wichtig zu wissen, was an welcher Stelle in der Deponie enthalten ist. Eine Rolle spielen aber auch die künftige Entwicklung der Rohstoffpreise sowie technische und ökologische Aspekte.
Für ihn sei die Deponie ein Tresor, sagte Gäth: »Wir versuchen, die Schließfächer zu öffnen.« Aufzeichnungen existieren aus den Jahren 1986 bis 2001. Aber was war vor 1986? Der Experte kann eine bundesweite Hausmüllanalyse auf den Landkreis Gießen übertragen. Schließlich leitete der Professor zum Wert der Deponie über, addierte dabei die Schätzungen zum Wert der Metalle und zur »heizwertreichen Fraktion«, berücksichtigte Einsparungen (Abdichtung: etwa zehn Millionen Euro; Nachsorge: über 30 Millionen Euro). So kam letztlich die Schätzung auf 65 bis 120 Millionen Euro zustande, wobei Gäth davon ausgeht, dass die Preise für Metalle und Energie wahrscheinlich nach oben gehen werden. In der Fragerunde interessierten auch die Abbaukosten. Im Augenblick würde es sich nicht rechnen, aus dem Ressourcenpotenzial zu schöpfen, sagte Gäth. Aber er schaue nicht auf heute, sondern auf »überübermorgen«.
Der Abfall-Experte war auch bei einem anderen Thema gefragt: Die SPD-Kreistagsfraktion hatte beantragt, das Regelvolumen für Restmüll im Minimum von 7,5 Litern je Einwohner pro Woche auf fünf Liter herabzusetzen. Dadurch solle für die Menschen ein Anreiz geschaffen werden, weniger Müll zu produzieren. Zum Hintergrund: 2008 fielen im Landkreis Gießen ohne die Stadt Gießen pro Einwohner 120 Kilo Müll an; der hessenweite Mittelwert lag bei 170 Kilo. Gäth zog auch einen Vergleich mit anderen Kommunen heran - die Extreme dabei: 24 Kommunen hatten ein Minimum von drei Litern, eine von 25 Litern.
Nach einer Vorlage des Kreisausschusses liegt der Landkreis ohne die Stadt Gießen mit seiner Restabfallmenge im hessenweiten Vergleich auf Rang neun (rund 127 Kilo pro Einwohner und Jahr bei 26 Städten und Landkreisen). Eine Reduzierung des Volumens entlaste nicht automatisch den Geldbeutel der Bürger, denn der Gebührenhaushalt müsse in der Summe ausgeglichen sein, was zu einer Verschiebung der Kosten unter den Gebührenzahlern führe, erklärte Gäth. Das tatsächliche Volumen liege im Landkreis Gießen bei 15,59 Litern pro Einwohner und Woche. Zusätzlich gebe es 30 000 Restabfallsäcke pro Jahr. Laut Gäth könnte es folgende Auswirkungen durch eine Reduzierung des Mindestvolumens geben: Verunreinigung des anderen Abfalls, keine Reduzierung der Restabfallmenge, in der Regel kein Nutzen für Mehrfamilienhäuser. Die Gebührengerechtigkeit würde eventuell leiden. Gäth empfiehlt, zunächst an den 7,5 Litern festzuhalten und eine gesetzliche Neugestaltung sowie die Entwicklung der Wertstofftonne abzuwarten. Anette Henkel (SPD) sprach sich dafür aus, den Antrag im Geschäftsgang zu belassen.
Studie: Vorhandene Technik in Rabenau ist ökologisch und ökonomisch in Ordnung
Seite 1 von 2
