»RomanTisch«: Mörderische Störche im Krimi, liebliche im Ried
Reichelsheim (kai). Einen Abend der Gegensätze bot sich den Teilnehmern der »RomanTisch«-Lesungsreihe am Freitag: Lieblich anzuschauen die Störche auf ihren Horsten im Bingenheimer Ried. Dazu gab’s viele Infos von Naturschützer Udo Seum. Mörderisch präsentierten sich Meister Adebar und seine Kollegen im Thriller »Flug der Störche« von Jean-Christophe Grangé, den Kurt Henes aus Limeshain im Biergarten des Bistros »Cockpit« las.
Naturschützer Udo Seum berichtet über die Störche, in diesem Jahr konnte er in der Wetterau und Umgebung 60 Jungvögel beringen, so viele wie noch nie.
»Hier im Ried haben wir französische Störche«, erklärte Udo Seum. Das stellen die Vogelschützer an den Ringnummern fest, die oberhalb des Kniegelenks schon bei den meisten Jungvögeln angebracht werden. Schlagen die Störche im Ried ihr Sommerquartier auf, beginnt ein reger Datenaustausch zwischen den Vogelfreunden. Seum und seine Kollegen versuchen aus ihren Beobachtungsposten mit Specktiv die Ringnummern abzulesen: »Am besten funktioniert das aus dem Auto heraus.« Die Nummern melden sie ans Institut für Vogelforschung nach Wilhelmshaven.
Charakteristisch an den Störchen ist ihre Bindung ans Nest. »Die ist größer als an ihre Partnerinnen, genommen wird die, die als Erste da ist«, verrät er. Da gebe es schon mal echte Storchenkämpfe. »Meist gewinnt das alte Weibchen«, erklärt Seum und erzählt die Geschichte vom Schweizer-Storch, der sich als Chef im Ried aufspielte. Er paarte sich mit einer Störchin, die im Jahr zuvor in Ranstadt war, sie zog’s dann doch wieder ins alte Nest, der Schweizer flog hinterher, holte sie von dort wieder zurück.
Seums Informationen stellten sich als kleine Gemeinsamkeiten mit dem Grangé-Roman heraus: Die Geschichte nimmt ihren Anfang in der französischen Schweiz. Als der junge Historiker sich auf die Suche nach dem Ornithologen Max Böhm macht, für den er einen Auftrag zu erfüllen hat: den Flug der Störche in ihr Winterquartier begleiten, um herauszufinden, warum viele im Frühjahr nicht zurückkamen. Diese Reise ist eine einzige Blutspur: Ich-Erzähler Luis finden den Storchen-Freund tot im von ihm aufgebauten größten europäischen Storchennest. Die Augen sind ausgehackt, Eingeweide herausgezogen.
Mit sonorer, sympathischer Stimme liest Kurt Henes das Grauen. Gibt Einblicke ins Buch: In Israel trifft Luis Sarah, die Schwester des Ornithologen Ido Garbor, der wenige Monate zuvor bestialisch zugerichtet im Storchenquartier gefunden wurde. Ihr erzählt Luis von den vielen toten Vogelfreunden, von denen er entlang seiner Reise erfahren hat. Kurz bevor es zur Liebelei zwischen dem Reisenden und Sarah kommt, ist die Lesung beendet. »Kaufen sie das Buch, wenn sie wissen möchten, wie es weitergeht«, animiert Karin Lauer von der Frauengruppe mittendrin, die die Lesungsreihe »RomanTisch - Literatur an ungewöhnlichen Orten« im dritten Jahr organisiert. Soviel verrät sie noch: Es hat etwas mit den Ringen zu tun und ist ein groß angelegter Kriminalfall - spannend.
Weiter geht’s in der »RomanTisch«-Reihe am kommenden Freitag, 27. August, am Reichelsheimer Verkehrslandeplatz. Gerd Schwalm liest aus dem Buch »Der Feng-Shui-Detektiv im Auftrag ihrer Majestät«. Weitere Informationen zur Lesungsreihe und zu freien Zuhörerplätzen gibt es bei Karin Lauer (0 60 35/18 96 97) oder bei Ulla Wagner (0 60 35/32 31).