Reichelsheim (kai). Mit einem Gedicht-Wunschkonzert startete die Lesungsreihe »RomanTisch - Literatur an ungewöhnlichen Orten«. Autorin Frederike Frei aus Potsdam stellte ihr Buch »Echt Himmel das Blau heute« und Modekreationen aus Papier im Hof des Modeladens »neun zieht an« vor.
Die Lesungsreihe 2010 an ungewöhnlichen Orten eröffnet Frederike Frei im Modeladen Neun. Sie stellt ihren Gedichtband »Echt Himmel das Blau heute« mit Texten über Blumensorten vor.
Denn Texte und Textil gehören zusammen, kommen aus dem selben Wortstamm, dies deutete Organisatorin Karin Lauer schon bei der Eröffnung der Lesung den rund 20 Gästen im kleinen Hof am Sonntagnachmittag an.
Frei spielte weiter, knüpfte Verbindungen: Kleiderstoff und Lesestoff. »Jedes Kleid hat eine Botschaft, Bücher müssen Mode werden«, erklärte sie. Also verknüpfte sie beides: Als Clou hatte sie vier Kleider aus Papier mitgebracht, die Reichelsheimer Nachwuchsmodels lesend präsentierten. »Das ist tragbare Kunst«, warb Frei.
Als Wunschkonzert entpuppte sich die Lesung aus ihrem Gedichtband, in dem sie Dutzende Blumen mit Witz und Hintergedanken beschreibt. In fast jedem ihrer Verse hat sie Wortspielereien und neu kreierte Wörter verarbeitet. Witzig schnell leierte sie ihr Inhaltsverzeichnis herunter von Anemone bis Zinie. »Ich weiß noch nicht, was ich lese, das liegt ganz an Ihren Wünschen.«
Mit Basilikum ging’s los: Bullig, hohl, duftige Droge und Geschmacksstrahl sind die Worte, die sie wählte, um ihn zu beschreiben. Die achtjährige Franca wünschte sich den Oleander. Frei lachte und beglückwünschte die junge Blumenfreundin zu ihrer Wahl. Hatte sie doch genau das Gedicht ausgewählt, dessen Zeile »Echt Himmel das blau heute« enthielt. Applaus spendeten die Zuhörer den Wortspielereien der Autorin. Nur bei der Malve zögerte sie mit dem Vorlesen. »Das mag ich nicht so gern, das Gedicht hat mal jemand schlecht gemacht.« Wohlwollend nahmen die Reichelsheimer ihre Malven-Beschreibung von Leuchträdern, ohne Waffen, den hochexplosiven Knospen, die sich selig dem Süden ausliefern, auf. »Das Militärische kommt in meinen Gedichten häufiger vor, mein Vater war Offizier, meine Mutter Blumenliebhaberin.«
Von Botanikern habe sie ihre Zeilen nicht prüfen lassen, verriet die Autorin schmunzelnd, ehe sie die Wünsche nach Rose, Tulpe, Gänseblümchen, Phlox, Mohn, Maiglöckchen erfüllte. Beim Hibiskus musste sie passen. »Schreiben Sie das Gedicht, und schicken Sie es mir«, forderte sie auf. Über die Van-Gogh-Gesandte (die Sonnenblume), die Bauerntochter aus gutem Hause (Dahlie) und die Braut im Soldatenmantel (Rittersporn) kam sie zum Finale, sie trug eines ihrer Gedichte als Rapp vor. »Das wirkt erst, wenn es im Rhythmus gesprochen wird«, erklärte sie - und die Zuhörer gaben ihr mit viel Applaus recht.
Schon am kommenden Wochenende lockt die »RomanTisch«-Reihe, die in diesem Jahr unter dem Motto »Von Rübenzählern, Süßschnäbeln, Störchen und anderen Vögeln im Ried« steht, mit weiteren Lesungen: Am Freitag, 20. August, 19 Uhr ist der Auftakt zum »Flug der Störche«. Gemeinsam mit Udo Seum vom NABU Bingenheim wird ins Bingenheimer Ried gewandert, dort erklärt Naturschützer Seum einiges zu den Weißstörchen. Anschließend liest Kurt Henes aus Limeshain im Bistro Cockpit aus dem Thriller. Auf die Spuren Rübezahls geht’s am Samstag, 21. August, in der Reichelsheimer Kirche. Stücke über Rübezahl trägt Jochen Rudolph vor. Gesanglich wird das Ganze von einer Gruppe Opernsänger aus Polen, die sich »Die Berggeistoper« nennt, untermalt. »Zu diesem Konzert mit Lesung gibt es noch viele Platzkarten«, wirbt Karin Lauer. »Wegen der vielen kleinen Veranstaltungsräume sind für einige Lesungen keine Karten mehr zu bekommen«, bedauert sie. Informationen zu der Reihe und zu noch freien Plätzen gibt es telefonisch bei Karin Lauer (0 60 35/18 96 97) oder bei Ulla Wagner (0 60 35/32 31). Karten gibt’s im Modegeschäft »neun zieht an«. (Foto: kai)