Reichelsheim (kai). Sie ist die gute Seele im Reichelsheimer Rathaus. Gießt Blumen, denkt an Geburtstage, Jubiläen, Prüfungen, die Termine vom Bürgermeister. Spricht dutzendfach mit Menschen, die sofort zum Chef wollen. Beruhigt, hört zu, hilft, hält dem Bürgermeister den Rücken frei. Für Ingrid Seitz, die seit drei Jahrzehnten im Reichelsheimer Rathaus arbeitet, davon seit 25 Jahren im Vorzimmer des Bürgermeisters, beginnt im August der Ruhestand.
Ingrid Seitz geht nach drei Jahrzehnten im Reichelsheimer Rathaus in den Ruhestand. Die 57-Jährige arbeitete davon 25 Jahre im Vorzimmer von Bürgermeister Gerd Wagner und seinem Nachfolger Bertin Bischofsberger. (Foto: kai)
»Es ist eine Ära, die zu Ende geht«, sagen die Kolleginnen in der Bauverwaltung. »Ingrid ist unsere dienstälteste Kollegin«, fügen sie hinzu. Jugendpfleger Jörg Pfaffenroth lobt ihre mütterliche Art: »Sie denkt an alles, sie hält uns zusammen, sie wird uns fehlen.«
Derweil wirbelt Seitz in ihrem Reich unterm Rathausdach im Vorzimmer von Bürgermeister Bertin Bischofsberger, der momentan im Urlaub ist. »Es gibt noch so viel zu erledigen«, sagt sie. Auf dem Bildschirm ihres Computers prangt die Einladung für die nächste Stadtverordnetenversammlung. Griffbereit hat sie auch die Glückwunschkarten liegen, die der Bürgermeister unterschreiben muss, mit Zettelchen ist markiert, wann die Karten verschickt werden.
»Hier ist es für mich wie ein Zuhause«
Das Telefon klingelt. Der Chef vom Verkehrslandeplatz meldet Rinder auf der Startbahn. Die 57-Jährige überlegt, wem sie gehören, weiß es nicht genau und verweist auf eine Kollegin, die könnte es wissen. »Das wird unser letztes Telefonat gewesen sein, ich verabschiede mich in den Ruhestand«, sagt sie dem Gesprächspartner, mit dem sie in den vergangenen Jahren sehr oft telefoniert hat. Ihn kennt sie persönlich. »Viele Menschen, die hier anrufen, habe ich nie gesehen.« Vor allem die aus anderen Behörden und Gremien, in denen ihre Chefs vertreten sind und waren - vom Regierungspräsidium, der Sparkasse.
24 Jahre arbeitete sie mit Gerd Wagner zusammen, eine prägende Zeit. »Er war in etlichen Vorständen vertreten, da gab es hier viel zu tun, morgens lag ein Stapel Entwürfe hier, die bis um zehn getippt sein mussten, denn dann ging er oft schon zum nächsten Termin«, erinnert sie sich. In den vergangenen 18 Monaten hat sie seinem Nachfolger geholfen, im Rathaus heimisch zu werden. Undenkbar wäre es gewesen, wenn Bürgermeister und Sekretärin zur selben Zeit gewechselt hätten, meint sie. »Die Arbeit ist anders geworden. Herr Bischofsberger mailt mehr, da habe ich nicht so viele Briefe zu schreiben.« Zu tun habe sie immer noch genug. »Ich bin ja quasi die Hausmeisterin hier im Rathaus, es ist für mich wie ein Zuhause«, sagt sie. Wenn eine Trauung ansteht, schaut sie, dass das Trauzimmer aufgeräumt ist, dass alles feierlich ist und passt.
Seit einigen Jahren hat sie ihren Arbeitsumfang auf 50-prozentige Teilzeit reduziert. Die Familie braucht sie, ihre Mutter lebt noch, die drei Enkelkinder freuen sich auf die Oma. »Als ich vor 30 Jahren in der Bauverwaltung anfing, arbeitete ich 75 Prozent.« Übers Arbeitsamt ist sie zu ihrem Job gekommen. Als 15-Jährige begann die Florstädterin eine Ausbildung zur Baukauffrau in Frankfurt, später kümmerte sie sich um die Buchhaltung einer Friedberger Metzgerei. »Ich habe jetzt mehr als 40 Jahre gearbeitet, da kann ich in Ruhestand gehen«, blickt sie zurück. »Keinen einzigen Tag davon möchte ich missen, es hat alles großen Spaß gemacht.«