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Wie Werner Katz die Schrecken der Nazizeit erlebte

Artikel vom 28.01.2012 - 03.00 Uhr

Wie Werner Katz die Schrecken der Nazizeit erlebte

Pohlheim (gbp/pm). Am Holocaust-Gedenktag stand das Schicksal der Familie Katz im Mittelpunkt des »Stolperstein«-Rundgangs in Watzenborn-Steinberg. Im folgenden schreibt Stephen W. Kates, der einst Werner Katz hieß und dessen Eltern im Vernichtungslager in Treblinka von den Nazis ermordet worden waren.

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Werner Katz mit seinem Enkel Elliott und der Porzellan-Teekanne.
Der Titel lautet »Die Porzellanteekanne«. Kates schildert darin sehr bewegend seine Lebensgeschichte. Anlass für die Erzählung war, dass sein zwölfjähriger Enkel Elliott Warshowsky die Aufgabe hatte, über einen Gegenstand zu schreiben, der in seiner Familie von Generation zu Generation weitergegeben wurde. »Das war keine leichte Aufgabe, da ich Deutschland nur mit einem kleinen Koffer mit Kleidung im Januar 1939 verlassen habe«, schreibt er und erinnert sich an einen Morgen im Jahre 1937, als seine Mutter ihre schöne Porzellanteekanne in Zeitungspapier packte und sie zu seiner Tante Rosa Katz Koch brachte, die im Begriff war, nach Amerika auszuwandern. So sollte die Kanne schon in Amerika sein, wenn sie selbst dort ankäme – was nie geschah.

»Offensichtlich wussten meine Eltern, dass das Klima in Deutschland immer schlimmer für die Juden wurde und wollten ein neues Leben in Amerika beginnen«, schreibt Stephen W. Kates und erzählt die Geschichte seiner Familie: »Wir wohnten seit mindestens drei Generationen am Kreuzplatz 3. Wenn man den jüdischen Friedhof in Watzenborn-Steinberg besucht, kann man viele jahrhundertealte Grabsteine mit dem Namen Katz sehen. Ich weiß, dass mein Großvater Ferdinand Katz, mein Vater Isidor Katz sowie mein Bruder Manfred und ich alle in diesem Haus geboren sind. Mein Vater war Geschäftsmann und hatte drei Brüder namens Max, Leopold und Moritz, und zwei Schwestern, Rosa und Bertha. Einst wohnten alle am Kreuzplatz 3. Mein Vater hat für Deutschland im Ersten Weltkrieg gekämpft, und er war sehr stolz darauf. Seine drei Brüder hatten alle im Ersten Weltkrieg teilgenommen. Leider sind Leopold und Moritz gefallen. Meine Mutter, Hilde Helene Ransenberg Katz, stammte aus Allendorf. Wir sind immer zusammen nach Allendorf gegangen, um meine Großeltern zu besuchen. Ich dachte immer, dass es sehr weit von uns weg sei. Meine Mutter hat immer Tee mit ihren Nachbarn getrunken, und sie hatte eine Menge Porzellan. Jede Woche hat sie das Backhaus besucht, um Brot und Flattekuchen oder – wie unsere Familie es nannte – »Florakuchen« zu backen. Wir haben immer unser eigenes Holz für das Feuer mitgebracht. Challahbrot, das wir am Shabbat essen, hat sie immer zu Hause gebacken. Jeden Samstagmorgen besuchten wir die Synagoge. Über dem Eingang stand geschrieben »gestiftet von Katz«.

 

»Ich war überzeugt, meine Eltern wiederzusehen«

 

Im Jahr 1938 wurde das Gebäude, in dem sich die Synagoge befand, verkauft, und somit gab es in Watzenborn-Steinberg keine Synagoge mehr. Wir konnten die Synagoge in Gießen auch nicht besuchen, weil es ein Gebot ist, dass man am Shabbat nicht fahren darf. Ich war Schüler der dritten Klasse in der Volksschule bis 1938. Dann war es mir nicht mehr erlaubt, weiter in die Schule zu gehen. Für jüdische Kinder war es ab dann verboten, die Schule zu besuchen. Ein Teil der großen Synagoge in Gießen wurde für eine kurze Zeit als Schule für die jüdischen Kinder genutzt. Jeden Tag lief ich zur Bahnhofstraße, um den Zug nach Gießen zu nehmen. Am 9. November 1938, als ich noch ein paar Straßen von der Synagoge weg war, sah ich die schöne Synagoge in Flammen. Wie konnte das sein? Es war ein stattliches Gebäude mit einem großen Platz drum herum und mit Bäumen davor. Warum sollte jemand etwas so Schönes zerstören? Es war jetzt zu spät für meine Eltern, Deutschland zu verlassen. Glücklicherweise wurde die Auswanderung von Manfred und mir mit dem Kindertransport erlaubt. Wir packten einen Koffer und bestiegen einen Zug nach Holland. In meiner kindlichen Seele war ich davon überzeugt, dass ich meine Eltern wiedersehen würde.

 

 

Die Söhne entkommen über Holland

 

 

Es wurde nie über die Details gesprochen. In Holland wurde ich in ein Heim mit anderen jüdischen Kindern geschickt. Am 14. Mai 1940 fiel Holland an die Nazis. Es war jetzt unmöglich, Holland zu verlassen. Es gab eine Frau, die Gertrude Weijsmuller hieß und die Leiterin des jüdischen Flüchtlingsamts in Amsterdam war. Am 14. Mai brachte sie ungefähr 60 Kinder nach Ymuiden. Es gab tausende Menschen am Hafen, die Zuflucht auf einem Schiff oder Frachtdampfer suchten. Frau Weijsmuller überzeugte den Kapitän eines alten Dampfers, der Bodegraven, uns an Bord zu nehmen. Es war ein kleines Boot ohne Essen am Bord. Als der Kapitän den Hafen verließ, folgten die Nazis uns mit Flugzeugen mit Maschinengewehren. In diesem Moment waren alle Kinder am Deck, und jeder war ganz still. Schließlich sind die Flugzeuge abgedreht und niemand wurde verwundet. Der Himmel wurde schwarz vor Rauch als die Holländer ihre eigenen Öltanks zerstörten, damit sie nicht in die Hände der Deutschen fielen.

Fünf Tage später waren wir am Ufer der Stadt Liverpool. Viele Jahrzehnte würden vergehen, bevor ich das genaue Schicksal meiner Eltern erfahren würde. Ich blieb in Manchester bis 1946, bis ich ein Affidavit von meiner Tante Bertha Katz, die Schwester meines Vaters, erhielt, um nach Amerika zu kommen. Seitdem lebe ich in Philadelphia und spreche selten von dieser schrecklichen Vergangenheit.

 

 

»Symbol der Hoffnung und Erinnerung an den Holocaust«

 

Im Jahr 1984 besuchte meine jüngere Tochter Bernice Kates, die jetzt Batya Warshowsky heißt, Watzenborn-Steinberg. Sie traf sich mit meinem alten Freund Karl Phillip, der leider nicht mehr unter uns weilt, und berichtete mir, wie die Erinnerung an die Familie Katz weiterlebt. Sie meinte, wie gemütlich die Watzenborn-Steinberger seien, und ich sagte ihr, dass die Leuten immer schon gemütlich, freundlich, und nett gewesen waren. Sie besuchte eine ehemalige Nachbarin, Frau Marie Reitschmidt, die am Kreuzplatz 2 wohnte und damals recht alt war. Frau Reitschmidt bat meine Tochter, sich auf einen Stuhl am Fenster zu setzen, von wo aus man unser ehemaliges Haus sehen konnte. Sie erzählte, wie sie auch 42 Jahre zuvor auf diesem Stuhl gesessen hatte und hinter dem Vorhang verborgen beobachtete, wie die SS meine Eltern aus dem Haus holte und mitnahm. Es war erst September und das Wetter war noch ziemlich warm, aber Isidor und Hilde trugen schwere Mäntel, vermutlich weil sie glaubten, sie würden in eine kältere Gegend gebracht werden. Frau Reitschmidt saß entsetzt am Fenster. Sie hatte von solchen Dinge gehört, aber hatte nicht geglaubt, dass so etwas hier in Watzenborn-Steinberg passieren konnte. Erst 2010 habe ich von Simone und Tim van Slobbe erfahren, dass meine Eltern Isidor und Hilde Katz im Oktober 1942 im Vernichtungslager Treblinka vergast wurden. Als Elliott, der fast schon alt genug für seine Bar Mitzwa ist, weiter nach der Porzellanteekanne in seinem Haus fragte, erzählte ich ihm die Geschichte meiner Kindheit in Watzenborn-Steinberg. Ich erzählte ihm von Florakuchen und wie ich mit meinen nicht-jüdischen Freunden Weihnachtslieder gesungen habe und vom einfachen Leben, das wir dort genossen hatten bis dies jäh beendet wurde. Ich erzählte ihm von den barbarischen Taten der Nazis, der unmenschlichen Grausamkeiten und dem Völkermord.Ich fragte ihn, was er sieht, wenn er die Porzellanteekanne seiner Urgroßmutter ansieht. Er erwiderte, dass sie auf keinen Fall die barbarischen Taten, die passiert sind, repräsentiert, weil sie elegant ist und weil nur feine und gute Leute ihren Kaffee oder Tee aus einer so schönen Kanne trinken würden. Er hat Recht! Dennoch waren die Ereignisse des Holocausts das Ergebnis von gebildeten, zivilisierten Menschen. Die Möglichkeit, dass etwas so Schreckliches in der Geschichte der Menschheit wieder passieren könnte, erzeugt große Angst. Elliott hat in seinem Aufsatz geschrieben, dass die Porzellanteekanne seiner Urgroßmutter sowohl ein Symbol der Hoffnung als auch eine Erinnerung an den Holocaust ist«.

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Artikel vom 28.01.2012 - 03.00 Uhr
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