Pohlheim (hjp). »Nach unserer Flucht aus Masuren und dem Sudetenland haben wir in Grüningen mehr als nur eine zweite Heimat gefunden: Grüningen ist jetzt unsere Heimat!« Walter Blaschek, Regina Schmidt und Helga Jung fühlen sich wohl in Grüningen und wollen auf keinen Fall mehr hier weg, auch nicht zurück in ihre ursprüngliche Heimat, ins Sudetenland oder nach Ostpreußen. Das sagten alle drei übereinstimmend während einer Veranstaltung der evangelischen Kirche in Grüningen.
Sie haben in Grüningen nach der Vertreibung aus Sudetenland und Ostpreußen eine neue Heimat gefunden: Helga Jung, Regina Schmidt und Walter Blaschek erzählten über ihre Erfahrungen mit Flucht und Vertreibung. Daneben Dr. Angela Stender vom Dekanat Hungen, die die Veranstaltung moderierte. (Foto: hjp)
Die Veranstaltung erfolgte in Zusammenarbeit mit dem Dekanat Hungen. »Vertreibung der Deutschen nach 1945« war das Thema, das sich die Kirchengemeinde zusammen mit Dr. Angela Stender von der Profilstelle Gesellschaftliche Verantwortung gesetzt hatten. Ein Thema, dass viele Grüninger bewegt - so waren die Stühle im Saal des Gemeindehauses voll besetzt.
Blaschek, Schmidt und Jung hatten allesamt eine unbeschwerte Jugend in den ehemaligen deutschen Ostgebieten, die durch den Zweiten Weltkrieg jäh unterbrochen worden war. Auf unterschiedlichen Wegen kamen sie nach Grüningen: Helga Jung zum Beispiel, mit Jahrgang 1928 die Älteste der drei Flüchtlinge, wurde zunächst an den Rand Sibiriens in den Ural verschleppt, wurde in einem Lager untergebracht und musste dort jahrelang arbeiten.
Bei Regina Schmidt dagegen ging alles sehr schnell - ihre Eltern samt der Familie hatten kaum Zeit, ihre Sachen zu packen, mussten Hals über Kopf ihre Wohnung verlassen und wurden erst in ein Lager und später in Eisenbahnwaggons in den Westen geschickt. Auch Walter Blaschek wurde aus dem heutigen Tschechien im Güterwaggon nach Deutschland verfrachtet. »Erst als wir wieder in Deutschland waren, sind die Türen wieder aufgemacht worden«, erinnerte sich Blaschek an die Schrecken der Vertreibung aus der damaligen Heimat. Für ihn war es sofort klar, dass er das Sudetenland vorerst nicht wiedersehen werde, so der Grüninger. »Für mich war das erledigt, ich wusste, dass es nie mehr zurück geht.« Nach der Ankunft in Grüningen war für Walter Blaschek und seinen Vater Dachau eine Station, doch entschieden beide, dass der Weg zurück nach Grüningen führt - »da gibt’s wenigstens was zu essen«, war ihre Entscheidung damals. In Holzheim habe er dann seine Lehre vollendet und später seine Frau kennengelernt, die letztlich ausschlaggebend war, für immer in Grüningen zu bleiben. »Wenn du weggehst, bis du weg«, habe sie damals gesagt. Und er ist geblieben in Grüningen.
Mit Wasser im Keller, Plumpsklo auf Schulhof
Regina Schmidts erste Station war in der Grüninger Schule. Mit ihrer Familie habe sie dort gewohnt, bis 1953 das neue Haus fertig war. Mit Wasser im Keller, Plumpsklo auf dem Schulhof sei dies keine schöne Zeit gewesen. Etwas Entlastung für die Familie habe es gegeben, als die junge Regina in Langgöns zur Arbeit ging, dort ein Zimmer hatte und nur am Wochenende zurück nach Grüningen kam. Mittlerweile habe sie fünf Kinder und elf Enkelkinder und fühle sich äußerst wohl in Grüningen.
Helga Jung kam allein in den Westen und ließ sich zunächst nach Grüningen adoptieren, arbeitete zunächst in der in ihren Augen rückständigen Landwirtschaft und musste bei den Stiefeltern richtig schuften. Nachdem sie ihren späteren Mann kennengelernt hatte, ging es dann besser. »Da kam ich so langsam in Grüningen an, es war nicht so einfach damals«, so Helga Jung. Mittlerweile haben sich alle eingewöhnt und sind fester Bestandteil des Lebens in dem Pohlheimer Stadtteil.
Pfarrer Raschke: »Vetriebene haben ihren Fleiß bewiesen«
»Die Vertriebenen haben einen großen Anteil an dem sogenannten Wirtschaftswunder im Nachkriegsdeutschland«, hatte Pfarrer Helmut Raschke vorher das Verhältnis der Vertriebenen zu den einheimischen Grüningern skizziert. Obwohl nicht immer freundlich aufgenommen, manchmal als Hinterwäldler ohne Kultur bezeichnet und mit einer anderen als der hier üblichen evangelischen Konfession wurden sie mit Skepsis beäugt. In Grüningen, so Raschke, habe man ihnen die Möglichkeit gegeben, sich eine neue Heimat aufzubauen. Und das scheint vollends gelungen zu sein. Keinen der drei ehemaligen Flüchtlinge zieht es zurück in die Gegenden, in denen sie aufgewachsen sind - für sie alle ist Grüningen der Ort geworden, der auch ihre Heimat ist.
In unserer Sonderbeilage zum 40-jährigen Jubiläum der Stadt Pohlheim mit ihren Stadtteilen Dorf-Güll, Garbenteich, Grüningen, Hausen, Holzheim und Watzenborn-Steinberg.