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Porsche, Puff und Prügel

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Artikel vom 10.04.2014 - 12.29 Uhr

Porsche, Puff und Prügel

Gießen (sha). Drei Männer stehen zurzeit wegen gefährlicher Körperverletzung und Freiheitsberaubung vor einem Schöffengericht am Gießener Amtsgericht. Am ersten Tag wurden Zeugen gehört. Der Prozess wird fortgesetzt.

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© Oliver Schepp
Der kleine Bruder ist gedrückter Stimmung, weil er »bei einem Notwehrproblem jemanden abgestochen« hat. Die Idee des großen Bruders: Beide und noch ein Kumpel gönnen sich »zur Ablenkung« einen Abend in einem Pohlheimer Saunaclub. Schließlich sei er da »seit sechs Jahren regelmäßiger Kunde« gewesen. »Ich wurde respektiert und habe die Leute noch mehr respektiert«, berichtet der 25-jährige Zeuge am Mittwoch offenherzig einem Schöffengericht des Gießener Amtsgerichts. Nur: Die Sache mit dem Respekt geht am 1. Juni vergangenen Jahres gründlich schief: Über »Kontakte« des älteren Bruders versuchen die drei, die lange Schlange vor dem Etablissement zu umgehen, denn wegen einer Jubiläumsfeier herrscht Hochbetrieb. Daraus wird nichts. Die Männer wollen nicht so lange warten und entscheiden sich, mit einem Minicar heimzufahren. Auf dem Parkplatz gibt es jedoch Ärger mit einem Platzanweiser, der nicht will, dass das Minicar bis zum Club-Gelände vorfährt. Dann geht es ganz schnell: Noch im Streit holt der Platzanweiser über Funk Verstärkung, und plötzlich rennen etwa sechs andere Männer zu herbeigefahrenen Autos, kommen mit Eisenstangen und Schlagringen zurück und prügeln auf den 25-Jährigen ein, bis dieser sich fühlt, als »wäre ein Lkw über mich drüber gefahren«. Dann drängen ihn zwei Sicherheitsleute gegen seinen Willen in einen Porsche und der fährt los. Am Steuer der Mann, mit dessen Hilfe das Trio eigentlich schneller in den Club gelangen wollte. Doch der hat jetzt andere Sorgen: Immer wieder versucht er, den blutüberströmten, aufgebrachten Mitfahrer zu beruhigen und ihn davon abzubringen, zur Polizei zu gehen. Denn: »Die bringen dich um, die sind die Mafia«.

Angeklagte gehören zu Hells Angels

An einer Tankstelle kauft der Fahrer zwei Flaschen Wasser, mit einer soll sich das Opfer das Blut aus dem Gesicht waschen. Zwar kennen sich die beiden Deutschtürken seit 15 Jahren, wie das Opfer berichtet. Dennoch glaubt er dem Fahrer nicht, dass der bloß nicht wollte, »dass mein Vater mich so sieht«. Vielmehr argwöhnt er, dass Spuren der Prügelattacke beseitigt werden sollten.

Über Telefonate des zurückgeblieben kleinen Bruders wird letztlich auch ein Kontakt zu dem Vater des 25-Jährigen hergestellt. An einer Tankstelle in Pohlheim wird das Opfer seiner Familie übergeben. Mit Hilfe eines Dolmetschers betont der 61 Jahre alte Vater vor Gericht, gesehen zu haben, dass sein Sohn verletzt war – auch ohne Blut. Ärzte stellen später mehrere Platzwunden am Kopf und ein zugeschwollenes Auge fest. Die blutverschmierte Oberbekleidung habe der 29-jährige Fahrer zunächst nicht herausgeben wollen, berichtet der Vater. Die Textilien sollten erst gereinigt werden. Der Senior beharrt, bekommt die Kleidung des Sohnes. Als er später in einer Eisdiele saß, sei der 29-Jährige aufgetaucht und habe – zusammen mit sechs anderen Männern – versucht, ihn zu überzeugen, nicht bei der Polizei auszusagen, erläutert der 61-Jährige dem Richter. Das Opfer betont auf Nachfrage der Staatsanwaltschaft: Der Fahrer habe auch »mit den Hells Angels gedroht«, sollte er die Tat anzeigen. Ob sein langjähriger Bekannter in dieser Gruppe Einfluss besitze, wisse er aber nicht. Hier kann jedoch ein Polizeibeamter Auskunft geben: Der 29-Jährige ist Vollmitglied bei den Hells Angels. Was die beiden mitangeklagten Männer vom Sicherheitsdienst des Clubs betrifft: Der 31-Jährige ist laut Polizei führendes Mitglied der »Brigade 81« und der 27-Jährige auch diesem Bereich zuzuordnen. Eine Tatsache, die sich auch ganz praktisch auf den Prozess auswirkt: Am Mittwoch befinden sich acht Wachtmeister und Polizisten im Sitzungssaal, während die Verhandlung läuft.

Die Sicherheitsbediensteten sind wegen gefährlicher Körperverletzung angeklagt, räumen über ihre Verteidiger Faustschläge ein. Der 29-Jährige bestreitet die Vorwürfe der Freiheitsberaubung sowie der versuchten Nötigung und Strafvereitelung. Alles sei »einvernehmlich« geschehen. Der Prozess wird fortgesetzt.

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Artikel vom 10.04.2014 - 12.29 Uhr
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