Nachrichten Web
Sie sind hier: Startseite » Kreis » Städte und Gemeinden » Pohlheim »

Konzertabend mit Wecker endete deutlich nach 23 Uhr

Artikel vom 14.12.2009 - 09.34 Uhr

Konzertabend mit Wecker endete deutlich nach 23 Uhr

Überhaupt das Alter. Der 62-jährige Wecker kokettiert den ganzen Abend damit. Ja, räumt er ironisch ein, er lese nun auch die »Apotheken Umschau« - um dann darüber abzulästern, wie das Altern weithin verdrängt werde: Mit einer »prächtig auszuweidenden Kaufkraft« habe man es zu tun - »zu jung, um von der Jugend ernstgenommen zu werden, zu angepasst, um in Würde zu altern«.

Wecker zeichnet mit Worten Karikaturen (»Der dicke Papa«), bedient sich bei Robert Gernhardt (»Ein Vater spricht«) und Kurt Tucholsky, bei Erich Kästner und Georg Schramm. Und er ist natürlich auch in Garbenteich der politische Liedermacher. Fast scheint’s, als sei er nicht ganz unglücklich darüber, dass sein vor bald zehn Jahren geschriebenes »Wenn die Börsianer tanzen« so schnell und so heftig eine ganz neue Bedeutung erlangen sollte. Eher grenzwertig der »Gutti-Song«, eine Art mit einfacher Melodie zum Lied erhobenen Schmähschrift. Im Vergleich mit seinem übrigen Repertoire - nicht nur dem am Samstag gebotenen Auszug - ist dieses Werk nicht mehr als eine schwache Büttenrede. Das hätte Wecker einfacher und intelligenter sagen können, mindestens so eloquent wie der von ihm kritisierteMinister: Dass er, der Liedermacher und »liebende Anarchist«, nämlich nichts von alle dem glaubt von dem, was die Politiker den Menschen mit dem Gerede von der »Verteidigung des Vaterlandes am Hindukusch« einreden wollen.

Aber so ist er nun mal, der Wecker! Ist er so? Ja. Keine Kompromisse. Erinnert sei da an den »Willy«: »Freiheit, das heißt: Keine Angst haben vor nichts und niemandem!« Das Bissige konnte indes nicht die Oberhand gewinnen: Bei »Leben im Leben« plädiert Wecker vor allem für die Liebe (mit zeitweise unverholenem Schwerpunkt auf die physische Sicht der Dinge): Mit den Schenkeln ausgeübte Gewalt ist so ziemlich die einzige, die er als Pazifist akzeptiert. Nicht nur, wenn der Sommer nicht mehr weit ist. Der Wecker - der Frauenversteher!

»Questa nuova realtá« singt er unten im Parkett, bevor er ein letztes Mal die Bühne erklimmt. Der Beifall gilt nicht nur dem »Zugpferd« der Veranstaltung, sondern auch dem »Co«, dem in der Tat kongenialen Jo Barnikel. Der ist für die Klangteppiche verantwortlich, für die Tiefe der Musik, fürs Filgrane, die Einwürfe von Melodiebögen. Genial hört sich all dies an, wenn zwei Männer auf drei Manualen zu vier Händen sich mit einer Leichtigkeit die imprivisatorischen Bälle zuwerfen, dass einem fast schwindlig wird. Köstlich in diesem Zusammenhang das Melodien-Mosaik, das sich von angedeuteten Weihnachtsliedern bis hin zu Tschaikowskys Klavierkonzert Nr. 1 erstreckt.

»Glück ist flüchtig...!« Mal sehen, wie lang die Erinnerung an diesen Abend hält, bevor sie sich womöglich auflöst. Nun ja, es gibt notfalls ein Gegenmittel: »Einfach wieder schlendern, über Wolken gehn/und im totgesagten Park am Flussufer stehn.« Es hätte schöner kaum sein können. No. Schmidt



Artikel Drucken Drucken  Versenden
Artikel vom 14.12.2009 - 09.34 Uhr
Social Networks
Facebook Twitter studiVZ meinVZ schülerVZ MySpace  Del.icio.us
X Diesen Artikel versenden






* Bitte füllen Sie alle Felder aus.
Impressum Kontakt AGB Nutzungsbedingungen Datenschutz
TopSeitenanfang