Die Stolperstein-Patenschaft von Manfreds Bruder, Siegbert Werner Katz, der als Steven W. Kates noch in Amerika lebt, haben Simone und Tim van Slobbe inne, »weil es mich sehr berührt hat, dass ein zehnjähriger Junge seine Familie zurücklassen und seinen Weg allein weitergehen muss. Unvorstellbar! Ich freue mich sehr, dass er lebt«, sagte Simone van Slobbe.
Sehr ergreifend hat Steven W. Kates das Schicksal seiner Familie beschrieben. Gestern am Spätnachmittag wurde die Erzählung an seinem Stein vorgelesen. Interessenten finden sie in voller Länge im Internet unter www.giessener-allgemeine.de . Bemerkenswert: Erst durch die Nachforschungen der Pohlheimer Stolpersteinpaten hatte Werner Katz erfahren, wann und wo seine Eltern ermordet worden waren.
Isidor Katz, geboren am 30. August 1887, wurde 55 Jahre alt. Seine Frau Hilda Helene geborene Ransenberg ist geboren am 29. August 1895 und wurde als 47-Jährige gemeinsam mit ihrem Mann im Oktober 1942 im Vernichtungslager Treblinka ermordet. Isodor Katz hatte im Ersten Weltkrieg gekämpft, wurde verwundet und trug bis zum Ende seines Lebens Schmerzen davon. »Seine Treue zum Land hatte gar nichts bedeutet in der Zeit des Holocausts; die Belohnung war die Todesstrafe«, schreibt seine Enkelin Batya Warshowsky. Das Ehepaar heiratete 1922 in Allendorf (Kreis Marburg). Von April 1926 an betrieb Isidor Katz einen Handel mit Manufaktur – Kurz- und Wollwaren, Häute und Vieh – und arbeitete als Metzger. Die beiden Söhne, Ferdinand Manfred Katz, geboren am 18. Dezember 1922, und Siegbert Werner Katz, geboren am 18. Januar 1928, besuchten zunächst die Volksschule in Watzenborn-Steinberg. Nach einer Verfügung des Reichsministers für Erziehung und Unterricht mussten am 15. November 1938 alle jüdischen Kinder die öffentlichen Schulen verlassen. Bereits zuvor hatte das Kreisschulamt Gießen angeordnet, dass jüdische Schulkinder zum Ende des Schuljahres 1937/38 die Schule verlassen müssen.
Unterrichtet von Anne Franks Vater
Siegbert Werner Katz wurde nach nur vier Schuljahren am 26. März 1938 ausgeschult, Ferdinand hatte bis zur Ausschulung im Frühjahr 1937 acht Jahre lang die Schule besucht. Aufgrund seines jüdischen Glaubens nahm ihn die Oberrealschule in Gießen nicht auf, und er begann eine Schlosserlehre in Frankfurt. Sein jüngerer Bruder Siegbert Werner besuchte von Frühjahr 1938 bis zur Reichspogromnacht die jüdische Schule neben der großen Synagoge in Gießen (Südanlage/Ecke Bismarckstraße). Dies war eine Behelfsschule, die in den Räumen des Gemeindehauses der orthodoxen jüdischen Gemeinde bereits in den 20er Jahren eingerichtet und von Gießener Schulen mitgenutzt worden war. Als Siegbert Werner am Morgen des 10. November 1938 die Synagoge brennen sah, wurde ihm klar: Er konnte nicht in Deutschland bleiben. Er floh mit seinem Bruder am 3. Januar 1939 nach Eindhoven in den Niederlanden, von dort aus ging er nach Amsterdam und wurde von Otto Frank, dem Vater von Anne Frank, unterrichtet. Nach wenigen Monaten sprach er Holländisch und besuchte eine Schule in Amsterdam. Ferdinand Katz flüchtete im April nach Amerika, am 14. Mai 1940, dem Tag nach der Kapitulation der Niederlande, floh der zwölfjährige Siegbert Werner nach England, wo er die Schule besuchte und später als Graveur in Manchester arbeitete. Im November 1946 folgte er seinem Bruder nach Amerika. Ferdinand Manfred nannte sich nun Manfred und war von 1943 bis 1946 Soldat. Er und sein Cousin Siegfried Katz waren zwei von insgesamt 20 000 jüdischen deutschen Männern und 3000 jüdischen deutschen Frauen, die – meist freiwillig – in den Armeen der Alliierten gegen die Nazibarbarei kämpften.
Im Dezember 1948 kam Manfred mit der US-Army nach Berlin. Von 1951 an lebten die Brüder in Philadelphia. Manfred zog später nach Landsdale und arbeitete als Verkäufer, Werner als Drucker.
Eine Aufnahme der Familie Katz etwa aus dem Jahre 1934. (Repro: gbp)
Doch was geschah mit den Eltern, die in Watzenborn-Steinberg geblieben waren? Im September 1939 wurde eine Ausgangssperre für die jüdischen Bürger verhängt, die auch ihre Rundfunkgeräte bei der Ortspolizei abgeben mussten. Bald darauf erhielten Juden keine Kleiderkarten mehr, ihre Telefonanschlüsse wurden gekündigt, sie mussten den Judenstern tragen und durften ohne schriftliche Erlaubnis der Ortspolizeibehörde ihre Wohngemeinde nicht mehr verlassen. Selbst für einen Bankbesuch in Gießen, wo er sein Konto hatte, brauchte Isidor Katz die Erlaubnis des Bürgermeisters. Und Auswanderung war verboten! Seine ins Ausland geflüchteten Söhne verloren die deutsche Staatsangehörigkeit, ihr Vermögen fiel an das Reich. Im Oktober 1941 wurden Elise und Käthe Nunenthal aus der Bahnhofstraße zwangsweise bei Isidor und Hilda Katz einquartiert. Vom 15. April 1942 an mussten die Häuser von Juden mit einem Judenstern neben dem Namensschild gekennzeichnet werden, so auch das Haus der Eheleute Katz. Haustierhaltung war ebenso verboten, wie der Besitz elektronischer Geräte. Am 14. September 1942 wurden Isidor und Hilda Helene Katz auf einem offenen Lkw zusammen mit den anderen Watzenborn-Steinberger Juden nach Gießen in die Goetheschule verschleppt.
Ich bin immer zutiefst betroffen,wenn ich erfahre was unsere jüdischen Mitbürger durch das Naziregime erlitten haben.Meine Mutter hat mir von ihren jüdischen Nachbarn erzählt.Mein Großvater galt als Judenfreund,er hat u.a.der Familie Nunenthal aus der Bahnhofstr.in Watzenborn geholfen und sie unter- stützt-darüber bin ich froh.Das es die Stolpersteine gibt finde ich gut. Erich Dritsch
In unserer Sonderbeilage zum 40-jährigen Jubiläum der Stadt Pohlheim mit ihren Stadtteilen Dorf-Güll, Garbenteich, Grüningen, Hausen, Holzheim und Watzenborn-Steinberg.
jüdischen Nachbarn erzählt.Mein Großvater galt als Judenfreund,er hat u.a.der
Familie Nunenthal aus der Bahnhofstr.in Watzenborn geholfen und sie unter-
stützt-darüber bin ich froh.Das es die Stolpersteine gibt finde ich gut.
Erich Dritsch