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»Anders blind« sein - und den Limes erwandern

Artikel vom 17.05.2009 - 23.15 Uhr

»Anders blind« sein - und den Limes erwandern

Pohlheim (dw) »Anders blind« will er sein. Das ist einer der Gründe, warum Achim Kraft am Wochenende unter anderem eine Limes-Wanderung für Blinde organsierte. Wie man die historischen Pfade für Blinde erlebbar machen kann, hatte er sich gemeinsam mit Werner Bender von der Heimatvereinigung Grüningen überlegt.
Einer der erblindeten Limes-Wanderer an den Resten des Kastells im Holzheimer Wald.	(dw)
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Einer der erblindeten Limes-Wanderer an den Resten des Kastells im Holzheimer Wald. (dw)
Was der Mensch wahrnimmt, wird zu 70 Prozent von dem bestimmt, was er sieht. Doch auch wer nicht sehen kann, kann und will noch jede Menge wahrnehmen und erleben. Kraft und seinen Freunden geht es darum, sich Welten zu erobern, die ohne das Augenlicht scheinbar verborgen bleiben. Mit einer Pferdekutsche, schwankend, bisweilen holprig, das Klappern der Hufe im Ohr, den Duft der Rapsblüten und den Geruch der Pferde in der Nase, macht sich die kleine Gruppe Blinder und Sehender von Grüningen aus auf den Weg zum Limes.

An Tonscherben und alten Münzen ertasten, wie dereinst das Leben bei den Römern aussah.

Im Holzheimer Wald beginnt die Reise der blinden Wanderer. Was hier zu sehen und auf Schildern zu lesen ist, erzählte der Hobbyarchäologe Werner Bender. Der Wall, einst aus Pfählen und aufgeworfener Erde errichtet, führt von dort schnurgerade fast bis nach Watzenborn-Steinberg. Im ehemaligen Graben kann man an ihm entlanglaufen. Vorsichtig, aber neugierig, erklimmen die Blinden den Wall, der heute noch etwa ein Meter hoch ist. Mit Unterstützung ihrer Hunde meistern sie das Auf und Ab, um zu den Fundamenten eines Kleinkastells im Holzheimer Wald zu gelangen. Bis auf Kniehöhe sind dort aus rauhen, grob behauenen Steinen die Grundmauern wieder aufgebaut. Tastend erschließen sich den Blinden die Dimensionen des Kastells, das 20 bis 30 Mann als Unterkunft diente. Eine glatte Oberfläche, auf der noch heute die sorgfältig nachgezogenen Fugen zu spüren sind, gibt Bender den Zeitreisenden in die Hand. Das Stück historischer Putz, von einem römischen Hofgut in Gambach, gibt einen authentischen Eindruck von dem Gebäude. Erzählend und mit Fühlerlebnissen vermittelte der Hobbyarchäologe den Blinden einen Eindruck von der insgesamt 550 Kilometer langen obergermanisch-rätischen Grenzanlage. Etwa 900 Wachtürme und 120 größere und kleinere Kastelle trugen zur Sicherung der Grenzen bei. Die Türme, fünf sind es auf dieser Wanderung, die in Sichtverbindung zueinander standen, waren jeweils mit fünf Mann besetzt. Kleinere und größere Artefakte, von denen im Kastell im Wald Grabräuber das meiste plünderten, findet man immer wieder in einiger Entfernung zum Wall, der von einem zwei bis drei Kilometer umfassenden unbewohnten Streifen gesäumt war, erzählt Bender.

Einige hat Bender selbst gefunden oder erstanden. Die glatte, warme Oberfläche einer feinglasierten Tonscherbe, die rauhe Wandung am Halsstück einer Amphore aus Ton oder die körnige, dick und schwer zu ertastende Tonscherbe eines großen Aufbewahrungsgefäßes, vermitteln einen Eindruck vom römischen Leben am Limes. Münzen aus Bronze und Kupfer, römische Fundstücke aus Ungarn, verraten auf ihren geprägten Oberflächen ein Stück ihrer Geschichte. Zu »lesen« sind die schlanke und dynamischer Pose der Jagdgöttin Diana oder die Konturen eines Kopfes, vermutlich eines Kaisers. Die Spitzen und scharfen Kanten steinerner Werkzeuge lassen über die geübten Fingerkuppen die Fingerfertigkeit vergangener Zeiten erspüren.

Ziel der abwechslungsreichen Wanderung ist ein bei Pohlheim rekonstruierter Wachturm. Ein Stück Palisadenzaun ist zu ertasten. Jenseits des kleinen Grabens können die Blinden den Turm zwar nicht sehen, seine Wehrkraft aber begreifen. In luftiger Höhe lassen sich der späterblindete Garten- und Landschaftsgärtner Kraft, die geburtsblinde Peggy, der innerhalb von Tagen erblindeten Sozialpädagoge Stefan und deren Freunde den Wind um die Nase wehen.

Gemeinsam haben sie die Grenzen ihrer körperlichen Belastbarkeit schon bei einer Schneeschuhwanderung ausgelotet, wollen Felsenklettern gehen oder Segeln. Peggys Traum war es, einmal zu Tauchen. Achim Kraft hat es für sie organisiert. Das war auch für die Tauchgruppe des TV 07 in Watzenborn neu. Zur Verständigung unter Wasser wurde ein Händedruck vereinbart. So genoss Peggy mit ihrer Begleiterin die barrierefreie, schwerelose Beweglichkeit unter Wasser. Es sind Momente wie diese, die Achim Kraft für sich und seine Freunde organisiert - das meinte er, wenn er sagt, er wolle »anders blind« sein.

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Artikel vom 17.05.2009 - 23.15 Uhr
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