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03.09.2009 - 19.17 Uhr
Ilse Steins Liebe in der Holocaust-Zeit
Ortenberg/Nidda (pm). Das Schicksal der Wetterauer Jüdin Ilse Stein und ihrer Familie schilderte jetzt der Publizist Johannes Winter im Alten Rathaus. Anlässlich des 70. Jahrestages des Kriegsbeginns am 1. September 1939 erinnerten die in Münzenberg ansässige Lagergemeinschaft Auschwitz (LGA) und der Wetteraukreis bei einer gemeinsamen Veranstaltung mit einer Autorenlesung an dieses historische Datum. »Mögen Sie uns ein Stück weiterhelfen im Verstehen, im Erinnern und beim Arbeiten gegen Rassismus, Antisemitismus, Rechtsradikalismus und Kriegshetze«, bat Uwe Hartwig, Vorsitzender der LGA, den Referenten Johannes Winter.
Der war bei Recherchen zu seinem Buch »Herzanschläge. Ermittlungen über das Verschwinden von Juden, Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen aus dem Dorf« auf die 1924 in Geiß-Nidda geborene Ilse Stein gestoßen. 1992 besuchte er sie in Rostow am Don. Aus den Gesprächen entstand das Buch »Die verlorene Liebe der Ilse Stein«.
Die Erinnerung an ihr Heimatdorf habe Stein mitunter als tröstlich empfunden, aber sehr oft auch als sehr schmerzlich, berichtete Winter. Sie habe ihm detailliert die ersten Bedrohungen nach der Regierungsübernahme der Nationalsozialisten geschildert sowie einen Überfall der Dorfbewohner auf das Haus ihrer Familie, bei dem Nachbarn und Bekannte den Kramladen der Eltern zerstörten und plünderten. Nach den Novemberpogromen von 1938 floh die Familie Stein wie auch drei weitere jüdische Familien aus Geiß-Nidda, das damit als »judenfrei« galt. Die Steins lebten danach in Frankfurt in einem der »Judenhäuser«.
Im November 1941 seien sie in offenen Viehwagen nach Minsk deportiert und im dortigen Getto, »einem Wartesaal des Todes für tausende deutscher Juden«, wie Winter betonte, untergebracht und zur Zwangsarbeit verpflichtet worden. Die 17-jährige Stein wurde dem Kommando des Wehrmachts-Hauptmanns Willi Schulz zugeteilt. Schulz war laut Winter ein bereits über 40-jähriger, in kinderloser Ehe lebender Reservist aus Dresden, »Parteigenosse, aber kein Nazi«. Er floh mit Stein, ihren Schwestern und einer Gruppe weißrussischer Juden aus dem Getto.
Ob es Liebe war oder seine Moral, die Willi Schulz zu diesem Verhalten bewog, darüber ist sich Winter nicht im Klaren. »Auf alle Fälle wurde Schulz zum Retter und setzte sein Leben aufs Spiel als Deserteur« – ein Delikt, das die deutsche Militärjustiz zu hartnäckigen Ermittlungen trieb, wie Winter beim Aktenstudium festgestellt hat. Schulz habe ein »Beispiel für Menschlichkeit in unmenschlicher Zeit« gegeben, zitierte der Referent den Historiker Fritz Stern. Neuere Forschungen hätten ergeben, dass sich lediglich rund 100 Soldaten in der Wehrmacht wie Schulz für Verfolgte einsetzt hätten, sagte Winter.
Stein und Schulz sei nur wenig gemeinsame Zeit vergönnt gewesen. Das Paar geriet in die Hände des sowjetischen Geheimdienstes und wurde getrennt. Die schwangere Ilse wurde laut Winter nach Sibirien deportiert, wo ihr Baby bald starb. Nach dem Krieg lebte sie in Rostow am Don, ohne Wissen über den Verbleib von Schulz. Erst Winter konnte ihr einen Totenschein bringen, aus dem hervorgeht, dass ihr Geliebter 1943 angeblich an Hirnhautentzündung in einem Lager starb.