Ortenberg (am). Da kommen die Bayern, und bereits vor Beginn des Konzerts ist das Bier ausverkauft. Das alkoholfreie, wohlgemerkt. Es solle aber schnell Nachschub herangeschafft werden, hieß es beruhigend vom Tresen.
Hätten die »Biermösl Blosn« das rechtzeitig vor ihrem Auftritt erfahren, dann hätte es von der Bühne herab sicherlich ein paar saftige Watschen gesetzt.
Die »Biermösel Blosn« singen, musizieren und beißen kräftig um sich.
(Foto: am)
Zumal das Thema Bier sowieso ein Dauerbrenner bei ihnen ist. Und sie dafür bekannt sind, zu Beginn ihres Programm stets ein wenig Lokalkolorit in offene Wunden zu streuen. So ätzten die drei Well-Brüder Hans, Christoph und Michael nach dem obligatorischen Gruß »von der bayerischen Staatskanzlei« über das belastete Trinkwasser von Gelnhaar, spotteten darüber, dass schließlich alle Wege nach Effolderbach führten und lästerten in einem der Ohne-Luft-zu-holen-Bandwurmsätze, in einer Art bajuwarischem Sprechgesang, dass das Bürgerhaus in Ortenberg immer noch nicht renoviert sei.
Diese Lokalität muss sich den »Biermösl Blosn«unvergesslich eingeprägt haben seit ihrem ersten Auftritt, den schon vor 14 Jahren Hans Schwab organisiert hatte. Im vergangenen Jahr nun ließ der den »Blosn« über eine Bekannte einen Gruß ausrichten. Prompt meldete sich wenige Tage später am Telefon Hans Well: »Wir kommen gerne mal wieder. Aber reichlich skurril ist euer Bürgerhaus schon...« – Stürmisch empfangen, stürmisch und mit Fußtrampeln verabschiedet. Dazwischen mehr als zwei Stunden »Biermösl Blosn«, wie man sie seit drei Jahrzehnten kennt. Ohne Qualitätsverlust. Nichts vom Biss verloren, häufig lakonisch, ja vermeintlich harmlos getarnt. Dem Publikum zugewandt, jedoch nie anbiedernd. Ätzend, gallig und satirisch wie eh und je, den bayerischen Dialekt als subversive Waffe benutzend, die vermeintlich brave bayerische Volks- und Stubenmusik als Speerspitze gegen alles, gegen das es zu protestieren lohnt.
Beispielsweise gegen einlullendes Volksmusikantentum. Klar, dass da einer wie Hansi Hinterseer so richtig sein Fett abbekommt. Der sei bei einem »Front-Stadl« für deutsche Soldaten in Afghanistan von Taliban entführt worden, in der Hoffnung, Lösegeld zu erpressen. Nach 14 Tagen sei das Ultimatum abgelaufen, dann hätten die Entführer gejammert: »Tauscht ihn aus, tauscht ihn aus, der singt und jodelt Tag und Nacht, das hält doch kein Mensch mehr aus.« Einen Austausch empfehlen die »Biermösl« auch für »Pannen-Guido« Westerwelle vor der NRW-Wahl. Analog zur Rückrufaktion von Toyota... Lob für den freiwilligen Austausch der Frau Käßmann (»Sie hat die Fliege gemacht«), Tadel für Innenminister Bouffier (»Der leider noch nicht.« Zusatz: »Wird schon.«).
Gegen wen sie sonst noch etwas haben: Die Liste ist lang. Frauen mit Doppelnamen, Kreisverkehr und Frauen, die ihre Männer zwingen, sich beim Pieseln auf die Toilette zu setzen. Und natürlich gegen die Gesundheitsreform. »Wir in Bayern haben wegen der Nähe zu Tschechien freilich einen Standortvorteil. Günstig wegen dem Zahnersatz. Obwohl der Zahnbeton leider vom Baumarkt war.« Bayern an sich »ein Paradies«. Wegen des liberalsten Nichtrauchergesetzes, wegen eines Ministerpräsidenten für eheliche und nichteheliche Kinder, wegen des heiligsten Weihwassers. »Wir waren ja schon katholisch lange vor Christi Geburt.«
Das alles virtuos und abwechselnd vorgetragen mit geschätzten 30 Musikinstrumenten. Tuba, Gitarre, Akkordeon, Kastagnetten, Drehleier, bis hin zum Alphorn. »Früher haben wir das nicht gespielt, sondern geraucht.« Weil der Kreisheimatpfleger festgestellt habe, dass Bayern das beste Gras im Lande habe.
Zum Schluss bedankten sich die »Biermösl Blosn« artig bei den Besuchern. »Ihr ward ein faires Publikum. Danke für euer Verständnis. Und bei einem der nächsten Auftritte in Friedrichsdorf-Köppern werden wir nur gut über euch reden.« Aber interessant wäre schon zu hören, was sie dort so zum Besten geben über Ortenberg und sein »skurriles« Bürgerhaus...