Mücke (ng). Eine Gedenkfeier für die jüdischen Opfer des Nationalsozialismus fand am Mittwoch am jüdischen Friedhof Nieder-Ohmen statt. Am Tag der Pogrome vom 9. November 1938 erinnerte man auch an Antisemitismus.
Mücke-Nieder-Ohmen (ng). Ein Gedenken an die Reichspogromnacht fand am Mittwoch am jüdischen Friedhof statt. Die Gedenkfeier veranstalteten evangelische und katholische Kirchengemeinde sowie die Gemeinde mit der Jugendpflege. Bürgermeister Matthias Weitzel und Ortsvorsteher Helmut Reitz legten einen Kranz nieder. Der ev. Singkreis unter der Leitung von Pfarrerin Christine Schellhaas eröffnete die Veranstaltung mit dem Lied »Aus der Tiefe ruf ich Herr zu Dir«. Pfarrvikarin Lea Winkel begrüßte die zahlreichen Besucher. Sie betete für alle, die aufgrund ihres Judentums starben, »für die, die wir kannten und für die, die wir nicht kannten, für die, für die es niemanden mehr gibt, der für sie beten könnte und für uns, die wir Verantwortung für die Zukunft haben«.
In der Vorbereitung hatte auch Irmgard Gückel mitgearbeitet. Lea Winkel entzündete sechs Kerzen für die sechs Millionen jüdischer Menschen, die im Holocaust starben. Die Namen der jüdischen Bürger, die in dieser Zeit in Nieder-Ohmen wohnten, verlasen Pfarrer Alexander Janka, Pfarrer Jonas Adam, Pfarrvikarin Lea Winkel und Gemeindejugendpfleger Uwe Langohr.
Die Gedenkfeier stand unter dem Thema: »Mit dem Herzen stolpern«. Laut Pfarrer Alexander Janka stammt der Satz vom Kölner Künstler Gunther Demnig. Er verlegt Steine mit den Namen jüdischer Opfer des NS-Regimes vor deren letzten frei gewählten Wohnsitzen, um an die Menschen und deren Schicksal zu erinnern. Dabei gebe eine Studie des Bundesinnenministeriums Entwarnung in Sachen antisemitischer Einstellungen. Nur etwa 20 Prozent der Deutschen hingen einem latenten Antisemitismus an. Das sei europäischer Durchschnitt.
Die Studie halte weiter fest, dass sich die Gewalttaten gegen Juden hierzulande auf einem niedrigen Niveau bewegen. Das jüdische Leben in der Bundesrepublik sei gesichert, und sei es »durch die massive Präsenz der Polizei vor jüdischen Einrichtungen«. Es gebe aber ein wachsendes Eindringen judenfeindlicher Äußerungen in den Alltag. Was früher tabuisiert gewesen sei, rege heute nur wenige auf: Antisemitische Bemerkungen am Biertisch, im öffentlichen Raum, in Fußballstadien. »Jude« sei wieder zum Schimpfwort geworden. Damit bezeichne man Gruppen oder Einzelpersonen, die man mit besonderer Verachtung belegen wolle.
So entwickle sich der öffentlich geäußerte Antisemitismus von einem geächteten Randphänomen, den höchstens ein paar notorische Neonazis auszusprechen wagten, zum gesellschaftlich akzeptierten Normalzustand. Das sei schlimmer als die regelmäßigen Hakenkreuzschmierereien auf jüdischen Friedhöfen. Und es sei wesentlich gefährlicher. »Die Hakenkreuze kann man abwaschen. Wenn sich aber erst antisemitische Tiraden in die Alltagssprache eingenistet haben, hilft dagegen nur selten der Ruf nach dem Staatsanwalt,« so Janka. Es gebe keine einfache Antwort auf den verbalen Antisemitismus. »Aber es besteht Grund zur Aufregung. Und nicht nur am 9. November,« so Janka.